Ralf Baur

Ralf Baur

Auf der traditionsreichen Station Neuharlingersiel engagieren sich seit der Gründung vor rund 160 Jahren ganze Familien bei der DGzRS – so wie heute Daniela, Klaus, Leon und Marvin Göken. Die vier gehören zu den rund 20 freiwilligen Seenotrettern in dem ostfriesischen Fischerdorf.

Mitten im Gespräch vibriert plötzlich Daniela Gökens Smartphone. Die Rettungsleitstelle See der DGzRS hat ihr eine automatisierte Nachricht geschickt: Vor Spiekeroog ist eine Segelyacht festgekommen. Zwei Menschen und zwei Hunde benötigen dringend Hilfe. Die 45-Jährige berührt die Ziffer 0 und signalisiert damit: „Ich kann diesmal nicht kommen.“ Aus dem 30 Kilometer entfernten Jever, wo sie gerade ist, würde es zu lange zum Liegeplatz der COURAGE dauern, andere aus der Mannschaft besetzen das Seenotrettungsboot.

Freiwillige Seenotretter auf dem Seenotrettungsboot Courage an der Station Neuharlingersiel

„Wer auf See arbeitet, kennt die Gefahren, weiß, wie schnell etwas passieren kann, und ist froh, wenn dann jemand kommt und hilft.“

Klaus Göken

Freiwilliger Seenotretter auf der Station Neuharlingersiel erhält Funkspruch
Freiwilliger Seenotretter auf der Station Neuharlingersiel machen sich bereit für den Einsatz

Während Leon Göken das Logbuch ausfüllt, machen seine Eltern in der Plicht die Leinen klar.

In der Regel ist Daniela Göken jedoch schnell am Hafen von Neuharlingersiel, ihrem Wohnort. „Wenn mich das MRCC alarmiert, schwinge ich mich aufs Fahrrad und radle los.“ Drei Minuten später ist die freiwillige Seenotretterin am Liegeplatz bereit für den nächsten Einsatz. Manchmal steht dann ihr Mann Klaus neben ihr. Oder ihr Sohn Marvin. Oder dessen Zwillingsbruder Leon. Oder alle zusammen. Das Leben der Familie ist fest mit den Seenotrettern und mit der Küste, den Prielen, den Sandbänken, der See verwoben. Die Nordsee mit ihren ausgedehnten Wattflächen ist für sie mehr als ein einmaliger Naturraum: Sie ist Heimat und sichert ihre Existenz. Ehemann Klaus Göken ist gelernter Fischer, ihre Kinder Marvin und Leon sind Seeleute, sie selbst ist stellvertretende Hafenmeisterin.

In dem kleinen Sielhafen, Herzstück des malerischen Ortes, streift Klaus Göken schon als Junge umher, schaut den Krabbenkuttern hinterher und den Fischern über die Schultern. Einer von ihnen ist sein Vater Manfred, gelegentlich fahren sie gemeinsam raus. Trotzdem ist der Knochenjob zunächst nichts für Klaus. Doch wie die Gezeiten den Lauf der Fahrwasser ändern, ändert sich auch seine Meinung: 1992 beginnt er als 17-Jähriger im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zum Fischwirt, später erwirbt er das Kapitänspatent für die Küstenfischerei.

Viele seiner Kollegen engagieren sich bei den Seenotrettern. Die Verbindung zwischen Fischern und der Gesellschaft, wie die DGzRS an der Küste oft genannt wird, ist traditionell eng – in Neuharlingersiel besonders. 1998 fragt ihn Vormann Wolfgang Gruben, ob er in die Mannschaft kommen möchte. Klaus Göken sagt sofort zu: „Wer auf See arbeitet, kennt die Gefahren, weiß, wie schnell etwas passieren kann, und ist froh, wenn dann jemand kommt und hilft.“

Zur Seite: Film: Die Seenotretter von Neuharlingersiel – ihre Einsätze, ihre Geschichten

Familie, Traditionen, Zusammenhalt in der Gemeinschaft und der Sinn, sich selbstlos für andere einzusetzen, die auf der manchmal tückischen Nordsee in Not geraten. All dies verbindet die Seenotretter in dem ostfriesischen Fischerort Neuharlingersiel. Dieser Film erzählt ihre Geschichte(n).

Gemeinsam für andere

Als Klaus Göken Ende der 1990er-Jahre seine spätere Frau kennenlernt, richtet sich sein Arbeitsalltag nach dem Rhythmus der Krabben: Im Sommer ist der heute 51-Jährige nur selten an Land, im Winter dagegen oft wochenlang. Daniela Göken wohnt zu dieser Zeit im zehn Kilometer entfernten Esens, arbeitet dort als Einzelhandelskauffrau. Seit 2003 lebt das Paar gemeinsam in Neuharlingersiel. Zwei Jahre später werden die Zwillinge Marvin und Leon geboren. Spätestens jetzt beginnt Klaus Göken umzudenken. 2008 tauscht er dann Freiheit gegen Sicherheit: Als Fischer sind Familienleben und Einkommen wenig planbar, als Fährkapitän schon. Fortan bringt er Passagiere vom Festland nach Spiekeroog und wieder zurück. Heute leitet der Seemann die Siebstelle der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer (EzDK) in Neuharlingersiel. Dort wird ein Teil der angelandeten Nordseegarnelen für die Vermarktung sortiert.

Marvin und Leon Göken wachsen beinahe genauso wie ihr Vater auf: Als Pökse sitzen sie auf seinem Schoss, wenn er mit dem Kutter hinausfährt. Oft stehen die Brüder auch an der Pier und beobachten ihren Opa beim Anlegen. „Der Hafen, das Watt waren unser Spielplatz“, sagt Marvin Göken. Ihr weiterer Weg scheint vorgezeichnet: Nach der Schule beginnen die Geschwister eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker bei der Reederei Norden-Frisia. „Wir wollten alles von der Pike auf lernen“, erläutert Leon Göken, „damit wir später auf der Brücke auch die Abläufe im Maschinenraum und an Deck genau kennen.“ Inzwischen lernen die beiden 21-Jährigen an der Seefahrtsschule Leer für das Befähigungszeugnis zum nautischen Wachoffizier – ihr gemeinsames Ziel: irgendwann selbst Kapitän auf Kreuzfahrtschiffen oder Fähren zu sein.

Freiwillige Seenotretter der Station Neuharlingersiel im Einsatz
Seenotretter mit Seenotrettungsboot Courage auf Kontrollfahrt

Kurz vorm Ablegen: Marvin Göken am Ruder die COURAGE

Und noch etwas prägt Leon und Marvin früh: der selbstlose Einsatz ihres Vaters für andere. Sie erleben, wie er manchmal nachts leise aufsteht, das Haus verlässt, zum Seenotrettungsboot eilt. Sie spüren die Sorge ihrer Mutter. 2020 steigt Daniela Göken bei den Seenotrettern ein. Seit sie selbst mitfährt, ist daraus Respekt geworden. „Es war schon immer mein Traum mitzumachen.“ Auch die Zwillinge wollen irgendwann dabei sein, ihrem Vater, ihrer Mutter nacheifern – mit 16 Jahren dürfen sie es. Die Familie hat sich mit Herz und Seele den freiwilligen Seenotrettern verschrieben. Sie schätzt den großen Zusammenhalt, niemand lässt den anderen allein. Wenn jemand verhindert ist, übernehmen andere den Einsatz. So wie bei der festgekommenen Segelyacht vor Spiekeroog. Am Ende kommt sie beim nächsten Hochwasser frei. Die Besatzung der COURAGE begleitet sie in den Hafen: Es gibt keine dramatische Rettungsaktion, kein großes Aufsehen. Aber genau darum geht es schließlich: einfach da zu sein, wenn andere Hilfe brauchen.

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Sie fahren raus, wenn andere reinkommen – rund um die Uhr, bei jedem Wetter: unsere aktuell rund 1.000 Seenotretter. Um andere Menschen selbst unter widrigsten Bedingungen aus Not und Gefahr zu befreien, brauchen sie genau wie Hauke Janssen-Visser reichlich Erfahrung, Können und Mut. Sie haben Interesse und möchten sich ebenfalls an Bord unserer Rettungs­einheiten engagieren? 

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Seenotretter Arne Schuld. Zur Seite: Porträt: Arne Schuld

Arne Schuld hat als Seenotretter seine Lebensaufgabe gefunden: Seit 2021 ist er Maschinist bei der DGzRS. Davor war der 36-Jährige viele Jahre auf den Weltmeeren unterwegs, zuletzt als leitender Schiffsingenieur. Vor gut vier Jahren wechselte er vom Containerriesen auf einen Seenotrettungskreuzer.

Seenotretter-Familie Paulsen. Zur Seite: Porträt: Familie Paulsen

Der Name Paulsen ist eng mit den freiwilligen Seenotrettern an der Geltinger Bucht verbunden: Als die Station 1981 gegründet wird, gehört
Max Paulsen zur ersten Besatzung des damaligen Seenotrettungsbootes GESINA. Heute engagieren sich dort Frank, Timm und Mikkel aus derselben Familie.

Seenotretter und Wattführer Richard Kölber. Zur Seite: Porträt: Richard Kölber

Seenotretter, Wattführer, Kapitän – Richard Kölber ist mit der Nordsee tief verbunden. Einen Tag ohne Blick auf das Wasser, für den Ostfriesen unvorstellbar.

Training der freiwilligen Seenotretter der DGzRS-Station Fehmarn. Zur Seite: Porträt: Michaela Runknagel

Michaela Runknagel lebt ihren Traum: Vor fast acht Jahren ist die 53-Jährige von der Schwäbischen Alb an die Ostsee gezogen. Auf Fehmarn hat sie eine neue Heimat mit einem erfüllenden Ehrenamt gefunden – seit 2019 engagiert sie sich auf der Insel als freiwillige Seenotretterin.

Am Liegeplatz steht ein Seenotretter auf einem Schwimmporton vor einem Seenotrettungsboot und lächelt freundlich in die Kamera. . Zur Seite: Porträt: Gerd Hasselberg

Gerd Hasselberg ist Rüganer durch und durch. Der 62-Jährige ist tief verwurzelt in der Region und engagiert sich in Glowe im Nordosten der Insel. Er ist ehrenamtlich bei den Seenotrettern, aber auch bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz.

Die freiwillige Seenotretterin Ricarda Byrne-Hausmann der Station Langeoog auf dem Seenotrettungsboot Secretarius. Zur Seite: Porträt: Ricarda Byrne-Hausmann

Ricarda Byrne-Hausmann engagiert sich seit zweieinhalb Jahren bei den Seenotrettern – so wie fast ihre gesamte Familie. Ihr Mann und ihr Sohn fahren ebenfalls raus, wenn jemand im Seerevier der Station Langeoog Hilfe benötigt.

Gregor Jeske, 3. Vormann des Seenotrettungskreuzers HERMANN MARWEDE der DGzRS-Station Helgoland. Zur Seite: Porträt: Gregor Jeske

Gregor Jeske (34) ist neuer Vormann der Station Deutsche Bucht/Helgoland. Der gebürtige Ostwestfale erzählt, warum er schon als Kind unbedingt zur See fahren wollte und wieso er heute dennoch mit seiner Familie weit weg von der Küste in Baden-Württemberg lebt.

Im Hafen steht ein Seenotretter, bekleidet in Kälteschutzanzug und Rettungsweste und schaut entspannt in die Kamera. Hinter ihm liegt an einem Holzsteg ein Seenotrettungsboot, auf dem andere Seenotretter die Leinen klar machen.. Zur Seite: Porträt: Tim Eggers

Neuer Vormann der Freiwilligenstation Gelting ist seit Anfang Februar 2024 Tim Eggers. Für den 48-Jährigen ist die See fast so essenziell wie die Luft zum Atmen, ohne sie hält er es nie lange aus.

Training der Seenotretter bei der Sarex in Eckernfoerde. Zur Seite: Porträt: Tobias Pütz

Wie sehr Menschen auf See den Naturgewalten ausgeliefert und wie verloren sie ohne die Hilfe anderer sind. Dieses ist ein wesentlicher Grund dafür, warum sich der 40-Jährige heute als freiwilliger Seenotretter auf der Station Damp engagiert.

Rettungsübung der Besatzung an Bord der Erich Koschubs. Zur Seite: Porträt: Axel Mussehl

„Es ist ein schönes Gefühl, das Leben anderer zu retten“
Axel Mussehl kennt die Seenotretter, seit er denken kann: Als Junge war er mit seinem Vater oft an Bord der Rettungseinheiten der Station Travemünde. Mittlerweile gehört der 27-jährige Polizist selbst zur Freiwilligen-Besatzung des Seenotrettungsbootes ERICH KOSCHUBS – und hat schon mehrfach Leben gerettet.

Das Seenotrettungsboot ELLI HOFFMANN-RÖSER/Station Baltrum. Zur Seite: Wie eine große Familie

„Die Seenotretter sind wie eine große Familie, aber ohne unsere Partner geht es nicht!“ Harm Olchers ist Insulaner durch und durch. Auf der Nordsee ist er immer, wenn es seine Zeit erlaubt. Zwischen Ehrenamt, Beruf und Familie hat er davon jedoch viel zu wenig.

Zur Seite: Freiheit eines Fischers

Sven Okken ist seit mehr als 20 Jahren beruflich auf der Nordsee unterwegs: Er ist Krabbenfischer. Der Heimathafen seiner „Pirola“ ist Norddeich. Der Kutter liegt unweit des Seenotrettungsbootes OTTO DIERSCH der DGzRS an der Pier. Zu dessen Besatzung gehört der 40-Jährige seit einigen Monaten.

Portät Markus Stumm. Zur Seite: Lebenslange Leidenschaft – vom Fan zum Seenotarzt

Als Anästhesist auf der Intensivstation in der Nordseeklinik Westerland hat Markus Stumm einen Job, der sehr fordernd ist. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, in seiner Freizeit als Seenotarzt für die DGzRS aktiv zu sein.

Seenotretter vorm Seenotrettungsboot. Zur Seite: Vom „Moses“ zum Vormann

„Es gibt Momente, in denen weiß man: Dafür macht man das alles“, sagt Hauke Janssen-Visser.

Seenotretter schaut über die Reling eines Seenotrettungskreuzers. Zur Seite: Porträt: Martin Rakobrandt

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Seenotretter auf der Kommandobrücke mit Funkgerät in der Hand. Zur Seite: Frank Weinhold

Du weißt nie, was kommt, heißt es bei den Seenotrettern. Denn kein Einsatz ist wie der andere. Diese Erfahrung hat Frank Weinhold schnell gemacht, als er vor 15 Jahren bei der DGzRS angeheuert hat.

Seenotretterin an Deck eines Seenotrettungsbootes der DGzRS. Zur Seite: Porträt: Melanie Heuser

„Ich kann mich auf meine Kollegen verlassen, nicht nur im Einsatz. Vielen ist heute nicht mehr so bewusst, wie viel so eine Gemeinschaft einem gibt.”

Zur Seite: Porträt: Oliver Bohn

Er ist Seenotretter mit Leib und Seele: „Der Eintritt ist freiwillig. Der Austritt ist freiwillig. Dazwischen ist Dienst. Dann geht es um Menschenleben, auch am eigenen Hochzeitstag.“

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