Christian Stipeldey

Christian Stipeldey

Zur Besatzung des Seenotrettungsbootes zu gehören, ist auf zahlreichen Stationen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) an Nord- und Ostsee oft Teil der Familientradition. Auch der Rüganer Martin Rakobrandt ist nicht der erste in seiner Familie, der rausfährt, wenn andere reinkommen. Er engagiert sich wie schon sein Großvater und sein Vater. Aber auch seine Frau, seine Mutter und seine Großmutter setzen sich für die DGzRS ein.

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Du bist ein Inselkind, magst Deine Heimat Rügen sehr, bist am und auf dem Wasser groß geworden. Waren die Seenotretter schon immer Teil Deines Lebens?

Schon sehr früh. Mein Opa, Horst Freybier, hat nach der Wende die Freiwilligen-Station Lauterbach an Rügens Südküste mit aufgebaut. Er war mehr als 25 Jahre lang Vormann. Mein Vater und ich sind dort ebenfalls Freiwillige, und ich bin außerdem inzwischen fest angestellt auf der Station Darßer Ort. Meine Frau unterstützt mich sehr, ohne sie könnte ich das alles nicht machen. Sie hält mir den Rücken frei und muss vieles allein regeln, wenn ich 14 Tage lang nicht zu Hause bin. Und meine Oma und meine Mutter leeren die Sammelschiffchen im Süden von Rügen. Sie halten unsere Arbeit im Bewusstsein vieler Menschen. Wir sind eine richtige Seenotretter-Familie.

Mehr als 25 Jahre lang Vormann – ist Dein Opa früh Dein Vorbild gewesen?

Ja, ich wollte schon als Junge machen, was er gemacht hat. Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Mein Opa ist als Seemann weit herumgekommen. Er hat Salzwasser im Blut und einen großen Erfahrungsschatz im Kopf. Er hat mir schon als Kind oft vom Leben auf See und als Seenotretter erzählt. Die Gesellschaft hat gezählt, dass er bei Einsätzen für mehr als 1.000 Menschen am Ruder des Lauterbacher Seenotrettungsbootes stand.

Zwei halbierte Männer, die zu einem Mann zusammen geschnitten wurden. Die linke Hälfte zeigt einen Seenotretter, die rechte Hälfte einen Mann in Freizeitkleidung.

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Hat Dein Opa dafür gesorgt, dass Dir Seebeine gewachsen sind?

Er hat mich auf seinem Segelboot mit hinausgenommen, und bald bin ich selbst raus auf den Bodden und die Ostsee. Ich bin Schiffsmechaniker geworden, habe dann mein technisches und mein nautisches Patent gemacht und bin sieben Jahre lang auf Tankern zur See gefahren. 2014 bin ich auf dem Seenotrettungskreuzer am Darßer Ort eingestiegen.

Der hieß lange THEO FISCHER und wurde vor wenigen Monaten von der neuen NIS RANDERS abgelöst. Seeleute hängen an ihrem Schiff, heißt es. Fiel Dir der Wechsel schwer?

Ja und nein. Die THEO FISCHER war sieben Jahre lang mein zweites Zuhause. Und sie hat einen ganz besonderen Geruch. An ihr hängt schon viel dran. Aber die Besatzung, unser Zusammenhalt, unser gutes Team – daran hat sich nichts geändert. Wir haben ein Spezialschiff der neuesten Generation bekommen. Es macht Spaß, mit der modernen Technik zu arbeiten. Ich habe mich sehr auf den Neubau gefreut. Aber ich bin froh, dass die THEO FISCHER noch als Springer in der Flotte bleibt. Vielleicht sehen wir sie auch auf unserer Station mal wieder.

Was reizt Dich daran, Seenotretter zu sein? Das ist für Dich ja weit mehr als ein Beruf. Du hast vor mehr als 15 Jahren als Freiwilliger auf Rügen angefangen, und Du fährst dort noch heute Einsätze, wenn Du am Darßer Ort frei hast.

Ja, wenn ich nach 14 Tagen vom Darß nach Hause muss! (lacht) Was reizt mich daran? Helfen zu können, ist eine tolle Sache.

„Die Menschen, denen wir helfen, sind oft einfach dankbar. Diese Dankbarkeit zu spüren, hat mir schon immer gefallen.“

Wenn wir helfen können, freue ich mich. Wenn es wirklich ernst ist, ist Freude natürlich das falsche Wort, da geht der Puls schon etwas nach oben. Aber trotzdem: Gerade nach Tagen ohne Einsätze ist es schön, wieder mit anzupacken, etwas ausrichten zu können. Das geht mir auch so, wenn ich nach dem Freitörn zurück zum Darß fahre. Klar, ich bin gerne zu Hause auf Rügen, bei meiner Familie, ich bin vor kurzem Vater geworden. Aber ich freue mich auch immer, wenn es wieder zum Darßer Ort geht. Die Station dort ist für mich wirklich eine Art zweites Zuhause.

Der Nothafen am Darßer Ort liegt für die Seenotretter strategisch wichtig zur Kadetrinne, einer viel befahrenen Engstelle für die Großschifffahrt, wo schnell etwas passieren kann. Aber diese DGzRS-Station liegt auch in der Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Ist es dort nicht ziemlich einsam?

Nein, jeden Tag kommen Spaziergänger und Ausflügler, auch im Winter ist es nie lange ganz still. Aber es gibt diese ruhigen Stunden, in denen wir dort mit uns, dem Wald und der Welt alleine sind, mitten in der Natur.

„Es passt alles zusammen – die Mannschaft und das Umfeld. Wir sind eine gute und eingespielte Crew. Einen besseren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen.“

Gibt es einen Einsatz, an den Du Dich ganz besonders erinnerst?

Ja, das war im Sommer, wir waren auf Station mit Routine beschäftigt. Plötzlich kam ein glasklares „Mayday“ über Funk, so deutlich zu verstehen, dass es relativ in der Nähe sein musste. Die Schiffbrüchigen riefen „Wir sinken! Wassereinbruch!“ In solchen Fällen geht alles sehr, sehr schnell. Es dauert nur wenige Augenblicke, bis wir ablegen. Wir reden dann nicht viel. Jeder weiß genau, was er zu tun hat. Dieser Fall war besonders, weil wir über Funk mit den Schiffbrüchigen sprechen konnten, bis die Batterien ihres Bootes unter Wasser waren, also bis sie keinen Strom mehr hatten. Dann war die Verbindung einfach weg. Da wussten wir: Die sind jetzt in Lebensgefahr. So war es auch: Kurz nachdem wir die Darßer Nordspitze umrundet hatten, ist das Schiff gesunken. Es war einfach weg. Die beiden Männer trieben in der Ostsee, ein ganzes Stück westlich vom Darßer Ort. Als wir bei ihnen ankamen, waren sie schon ungefähr 20 Minuten im Wasser. Einer der Schiffbrüchigen konnte außerdem nicht schwimmen. Zum Glück waren sie gut ausgestattet mit Rettungswesten. Wir haben sie gerettet, an Bord versorgt und waren schnell wieder im Hafen.

Du berichtest sehr nüchtern darüber. War das nicht sehr dramatisch?

Es ist gut ausgegangen. Dafür trainieren wir ständig, damit die Handgriffe sitzen, bei jedem Wetter, rund um die Uhr. Regelmäßig üben wir auch mit unseren Freiwilligen. Sie ergänzen unsere Mannschaft bei Bedarf oder vertreten jemanden von uns. Und viele Einsätze besprechen wir nach – manchmal sogar auch mit den Geretteten. Wir sind sehr gut ausgerüstet.

Karabinerhacken wird an Stahlseil befestigt

„Unser neuer Seenotrettungskreuzer ist das beste Beispiel dafür, dass die Gesellschaft die Technik immer auf modernstem Stand hält. Ich finde, das ist für uns auch Verpflichtung, uns so gut im Training zu halten, dass Menschen und Technik eine optimale Einheit bilden.“

Beste Ausrüstung und ständiges Training, beides ermöglichen einzig und allein die vielen Menschen aus dem ganzen Land mit ihren Spenden. Habt Ihr auf Station oft Kontakt zu solchen Menschen?

Viele Leute, mit denen wir im Hafen ins Gespräch kommen, erzählen schnell von ihrer Verbundenheit mit den Seenotrettern. Wir sind sehr froh darüber, dass uns so viele Menschen unterstützen. Darunter sind manchmal ganz besondere, auch rührende Geschichten. Ich erinnere mich gut an Gregor, elf oder zwölf Jahre alt. Der hat uns sein ganzes angespartes Taschengeld gegeben, das war nicht wenig. Seine Eltern haben dazugelegt. Am Ende konnten wir einen neuen Überlebensanzug anschaffen. Diese Spezialanzüge gehören zu unserer persönlichen Schutzausrüstung, sie sind im Ernstfall unsere Lebensversicherung. Sie kosten pro Stück rund 1.200 Euro.

Eine große Sache, vor allem für einen so jungen Mann wie Gregor! Wie habt Ihr Euch bei ihm bedankt?

Wir haben ihn später noch einmal zu uns auf die Station eingeladen. Heute trage ich „seinen“ Anzug. Es gibt kleine Schilder mit den Namen unserer Spenderinnen und Spender an vielen Ausrüstungsgegenständen.

„An meinem Überlebensanzug steht der Name von Gregors Familie. Auf diese Art ist sie im Einsatz immer dabei. Das zu sehen, war für den Jungen etwas sehr Besonderes.“

Man spürt aus Deinen Worten, wie wichtig Euch solche Kontakte sind, dass sie zu Eurer Arbeit dazugehören, dass die Menschen, die spenden, Teil des Teams sind. Seht Ihr das so?

Richtig, wir tun viel dafür, solche Kontakte zu pflegen. Zum Beispiel ist jedes Jahr am letzten Sonntag im Juli unser Tag der Seenotretter auf fast allen Stationen. Besichtigungen sind auch sonst möglich, nach Voranmeldung in unserer Zentrale. Und wenn es gerade passt, haben wir auch mal Zeit dafür, im Hafen etwas über unser Schiff und unsere Arbeit zu erzählen. Besonders Kinder, aber auch viele Erwachsene sind begeistert, wenn sie die Technik mal genauer ansehen dürfen.

Und Du selbst? Auch Du scheinst nach so vielen Jahren noch immer begeistert zu sein. Ist da noch etwas vom kleinen Martin übrig, der einst mit großen Augen seinem Opa zugehört hat?

Begeisterungsfähig bin ich nach wie vor, klar. So kann das gerne weitergehen! Am Darßer Ort, aber auch familiär auf Rügen passt für mich alles sehr gut. Ich möchte keines meiner beiden Zuhause missen. Wer mich sucht, der findet mich am Hafen, in Wassernähe, hier wie dort.

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