Ralf Baur

Ralf Baur

Wer auf Föhr ein Sammelschiffchen auf dem Tresen stehen hat, bekommt mindestens einmal im Jahr Besuch von Olaf Cohrs, Elke Grutkamp oder Thorsten Walz. Diese drei löschen auf der nordfriesischen Insel ehrenamtlich die markanten Spendendosen.

Vor Thorsten Walz liegen Cent-Münzen, Eurostücke und verschiedene Banknoten, daneben steht ein Sammelschiffchen mit geöffnetem Rumpf. Der 50-Jährige sitzt im Restaurant „La Gondola“ in Witsum und zählt mit geübten Handgriffen das Geld, mit dem Gäste die Kunststoffbüchse in den vergangenen Monaten beladen haben. „Das ist für mich fast wie Meditation“, sagt der gebürtige Hesse. Seit 2019 leben er und seine Frau Nicole auf Föhr – zwei Jahre später hat er begonnen, sich ehrenamtlich für die Seenotretter zu engagieren.

Beinahe doppelt so lange kümmert sich Elke Grutkamp um Sammelschiffchen auf der Insel: 2016 bittet ihr Vorgänger Hans-Jürgen Lauchardt sie um Hilfe. Die heute 59-Jährige übernimmt die Aufstellorte an der Wyke Promenade. Bald kommen weitere hinzu, zeitweise steuert die Siegerländerin mehr als 50 Liegeplätze an. Dank Thorsten Walz und Olaf Cohrs sind es jetzt noch rund 30, die beiden haben ihr einige abgenommen. „Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse“, sagt sie und lacht. Doch längst hängt ihr Herz an der Aufgabe – und an der Insel.

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„Ich tue etwas Gutes, treffe neue Menschen und lerne Föhr von einer anderen Seite kennen.“ 

Thorsten Walz

Ehrenamtlicher Mitarbeiter der DGzRSbeim Spenden sammeln

Im Restaurant „La Gondola“ kostet Tafelwasser keinen Cent. Stattdessen bitten Gundula und Dario Natella (l.) um eine Spende für die DGzRS. Auch das Trinkgeld landet meist im Sammelschiffchen, das Thorsten Walz leert.

Auf dieser ist Olaf Cohrs geboren und aufgewachsen. Der 66-Jährige ist der einzige Insulaner des Trios. Nach dem Abitur lockt ihn jedoch die weite Welt: Erst fährt er mit technischem Patent zur See, später ist er Ingenieur im Kraftwerksbau in vielen Ländern. Am Anfang ist er froh, die Enge der „grünen Insel“ hinter sich gelassen zu haben. „Doch irgendwann kippte es“, erinnert sich der Nordfriese. 1996 kehrt er zurück. Heute hat für ihn die Ruhe, die Weite und die unmittelbare Nähe zur See einen ganz anderen Wert als noch mit Zwanzig. „Hier kann man es sehr gut aushalten“, sagt der mittlerweile freiberuflich tätige Kfz-Sachverständige.

Das sieht Thorsten Walz genauso. Während er das Geld aus dem Sammelschiffchen sortiert, beschreibt er, wie die Sehnsucht nach solch einem Ort in ihm gewachsen ist. Großgeworden ist der 50- Jährige im Rhein-Main-Gebiet. Dort ist es zwischen vielbefahrenen Autobahnen, internationalem Flughafen und dichtem Schienennetz laut und hektisch. Je häufiger er und seine Frau auf der nordfriesischen Insel Föhr ihren Urlaub verbringen, desto stärker wird ihr Wunsch, mehr als nur ein paar Wochen im Jahr dort zu sein.

Ein Miniaturschiff steht auf einem Steg. Zur Seite: Sammelschiffchen

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Als Ende der 2010er-Jahre erst Thorsten Walz‘ Schwiegervater und kurz darauf sein Vater sterben, hält das Ehepaar nichts mehr in der alten Heimat: Früher als geplant, ziehen die beiden nach Föhr. „Wir haben unseren Entschluss bis heute nicht bereut“, sagt er. In den vergangenen gut sechs Jahren sind seine Frau und er „höchstens drei Mal“ auf dem Festland gewesen. Viel lieber genießt das Paar den beschaulichen Alltag im 300-Seelen-Örtchen Borgsum mit seiner starken Gemeinschaft: „Jeder hilft hier jedem“ – genauso wie bei den Seenotrettern. Die beiden sind angekommen – mit dem Wohnortwechsel hat für sie ein neues Leben begonnen.

Auch für Elke Grutkamp und ihren Mann ist der Umzug vor mehr als 13 Jahren aus Südwestfalen nach Friesland ein Neuanfang: „Wir wollten schon immer näher am Wasser wohnen“, sagt sie. Erst liebäugelt das Ehepaar mit der Ostsee. Doch dann findet es auf Föhr genau das gesuchte Zuhause. Bereits zuvor hatte sich die Kfz-Mechanikerin beruflich umorientiert: Auf der Insel ist sie weiterhin als Arbeitspädagogin tätig, mittlerweile als Schulbegleiterin für Kinder mit zusätzlichem Betreuungsbedarf. „Ich wollte schon immer mit Menschen arbeiten, sie fördern und voranbringen.“

Mehr als ein Ehrenamt

In ihrer Freizeit ist Elke Grutkamp so oft wie möglich auf einem ihrer beiden Boote: „Davon habe ich schon als Kind geträumt.“ Die leidenschaftliche Seglerin liebt den weiten Blick, die frische Seeluft und die Stille am Ufer genauso wie auf dem Wasser. All dies hilft ihr auch, die schweren Gedanken nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes für eine Weile hinter sich zu lassen: „Wenn ich dort bin, ist es wie Urlaub.“ Wenn dann noch die Wellen den Schiffsrumpf sanft schaukeln, entspannt sich ihr Körper vollends.

Doch die See kann auch ganz anders sein: brachial, ungezügelt und wild. Das hat Olaf Cohrs mehrfach als Seemann erlebt: So tobt im Nordpazifik ein fürchterlicher Sturm mit mächtigen Orkanböen über seinen Frachter hinweg. Turmhohe Wellen klatschen aufs Deck. Das Schiff windet sich in der aufgepeitschten See – es ächzt und quietscht. „In solchen Momenten merkst du, welche Kraft Wasser hat“, sagt er ehrfürchtig. Derartige Naturgewalten flößen ihm Respekt ein – und stärken sein Gottvertrauen. Dennoch: Ohne die See kann er nicht sein – „am liebsten bin ich auf meinem Boot“.

Mit seinem acht Meter langen Motorsegler ist Olaf Cohrs regelmäßig im seinem Heimatrevier unterwegs. Zwischen Amrum, Sylt, Pellworm, Hooge, Langeneß und den anderen Halligen sind die Schläge kurz, genau richtig für seine knappe Zeit. Dass dennoch Platz für die Sammelschiffchen bleibt, hat auch mit seinem Gemeinschaftssinn zu tun: Als er ein drittes Mal gefragt wird, ob nicht auch er ehrenamtlich die markanten Spendendosen betreuen möchte, sagt der langjährige DGzRS-Förderer schließlich zu: „Ich kann Elke damit doch nicht allein lassen. Und die Seenotretter haben jede Unterstützung verdient.“

Ehrenamtliche Mitarbeiter der DGzRS
Wer auf Föhr ein Sammelschiffchen auf dem Tresen hat, sieht Thorsten Walz (v. l.) Elke Grutkamp oder Olaf Cohrs mindestens einmal im Jahr. Die drei löschen auf der nordfriesischen Insel ehrenamtlich die Laderäume der markanten Spendendosen.

Inzwischen hat Thorsten Walz das gesamte Geld gezählt. Jetzt muss er noch eine Quittung für das Wirtspaar über die 616,04 Euro ausstellen – das Sammelschiffchen im „La Gondola“ gehört zu den ertragreichsten auf Föhr. 2021 macht ihn ein Radiobeitrag auf das Ehrenamt aufmerksam. Die Sammelschiffchen sind ihm seit seiner Kindheit vertraut: Als Junge schippert er mit seinen Eltern auf einem Motorboot über Rhein, Main, Mosel, Lahn und Neckar. In den Vereinsgaststätten, Hafenkneipen und Clubhäusern entlang der Routen liegen viele der rotweißen Spendendosen vor Anker: „Ich habe immer etwas reingeschmissen.“

Seine selbst gewählte Aufgabe gefällt ihm: „Ich tue etwas Gutes, treffe neue Menschen und lerne Föhr von einer anderen Seite kennen.“ Und überhaupt: Wer auf einer Insel lebe, sei im Ernstfall auf die Seenotretter angewiesen, denn manchmal seien sie die einzige Verbindung zum Festland. „Daher muss man sie einfach unterstützen“, findet Thorsten Walz.

Im Gespräch mit Olaf Cohrs, Elke Grutkamp und Thorsten Walz reihen sich Geschichten und Anekdoten über die Aufstellorte aneinander: überraschend volle Sammelschiffchen, einfallsreiche Spendenbitten und Kindheitserinnerungen in der Eisdiele. Eines wird dabei deutlich: Die drei Ehrenamtlichen sind mit großem Engagement dabei, weil gerade ihnen auf Föhr besonders bewusst ist, wie wichtig die DGzRS für alle auf See, an der Küste und auf den Inseln ist.

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Ehrenamtlicher Mitarbeiter Karl-Heinz Willmann. Zur Seite: Das Team zählt – auf See wie an Land

Karl-Heinz Willmann engagiert sich in Papenburg mit viel Herzblut für die Seenotretter. Gemeinsam mit drei Mitstreitern betreut er rund 60 Sammelschiffchen, hält Vorträge und ist bei Veranstaltungen aktiv – stets mit dem Ziel, Menschen für die mitunter lebensrettende Arbeit seiner Kollegen auf See zu begeistern.

Der Ehrenamtliche Frank Kahl bei einer Veranstaltung. Zur Seite: Ehrenamtliche Arbeit wirkt über den Augenblick hinaus

Frank Kahl lebt seit 1987 rund 30 Kilometer weiter westlich auf Norderney und engagiert sich dort als Ehrenamtlicher für die Seenotretter.

Ehrenamtliche Mitarbeiter Andrea und Volker Kaesler. Zur Seite: In Sachsen aktiv für die Seenotretter

Andrea und Volker Kaesler wohnen am Rande Deutschlands, im Erzgebirge nahe der Grenze zur Tschechischen Republik. Dort engagieren sie sich für die Seenotretter, was viel mit ihrer Kindheit und der Sehnsucht nach der See zu tun hat.

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Annegret und Walter Müller betreuen in Bremerhaven rund 80 Sammelschiffchen – einige stehen in den Restaurants im Schaufenster Fischereihafen.

Ehrenamtlichen-Porträt Niklas Mönnich . Zur Seite: Seemann mit Herz: Niklas Mönnich und „seine“ Sammelschiffchen

Er ist der erste Seemann in seiner Familie – und einer, der sich auch an Land engagiert. Dort unterstützt der 28-Jährige jene, die ihm im Ernstfall auf See helfen: die Seenotretter.

Ehrenamtlicher Detlef Roehr im Austausch mit Besuchern. Zur Seite: Unser Mann in Berlin

Unser Mann in Berlin

Detlef Röhr ist mehr als sein halbes Leben für die Seenotretter ehrenamtlich aktiv: Seit 1981 löscht der heute 73-Jährige in Berlin die Ladung mehrerer Sammelschiffchen, zudem informiert er auf Veranstaltungen und Messen.

Auf Messen und Veranstaltungen informieren ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter . Zur Seite: Unsere Ehrenamtlichen

„Von der Waterkant bis zum Alpenrand“ spenden uns rund 650 Menschen etwas sehr Kostbares: ihre Zeit. Hier lernen Sie einige unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter an Land kennen.

Drei ehrenamtliche Mitarbeiter der DGzRS stehen an einem Infostand an einem hinter einem Stehtisch. Vor ihnen steht ein Sammelschiffchen der DGzRS.. Zur Seite: Vom großen Zusammenhalt in der Seenotretter-Familie

Nach seinem Berufsleben sucht Michael Pohl eine sinnvolle Aufgabe – und findet sie 2021 bei den Seenotrettern. Seitdem engagiert sich der gebürtige Kieler mit großem Einsatz ehrenamtlich an Land für die DGzRS.

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