Ralf Baur

Ralf Baur

Gregor Jeske (34) ist Vormann der Station Deutsche Bucht/Helgoland. Er ist Nachfolger des Ende 2023 nach schwerer Krankheit verstorbenen Thilo Heinze. Der gebürtige Ostwestfale erzählt, warum er schon als Kind unbedingt zur See fahren wollte und wieso er heute dennoch mit seiner Familie weit weg von der Küste in Baden-Württemberg lebt.

Wenn Gregor Jeske mit seinem 15 Monate alten Sohn im Garten spielt, liegt sein Arbeitsplatz mehr als 600 Kilometer weit entfernt. Der 34-Jährige ist Seenotretter auf der Station Deutsche Bucht/Helgoland, die er seit Januar als Vormann leitet. Sein Herz hängt an beiden Orten – so unterschiedlich sie auch sind. Im Örtchen Gschwend am nordwestlichen Rand der Schwäbischen Alb ist er seit einigen Jahren zu Hause – es ist sein Ruhepol. Dort lebt er der Liebe wegen mit seiner Frau Jasmin und ihrem gemeinsamen Sohn Kilian. „Meine Frau kommt aus dieser Region“, sagt er. Deshalb haben sich die beiden entschieden, ihren Lebensmittelpunkt nach Baden-Württemberg zu verlegen.

Doch so sehr sich Gregor Jeske in den hügeligen Ausläufern des Mittelgebirges auch wohlfühlt, so sehr zieht es ihn nach einigen Wochen wieder nach Helgoland. „Ich mag die See, spätestens nach meinem 14- tägigen Freitörn muss ich wieder an die Küste“, sagt er mit einem Lächeln. Seit mehr als zehn Jahren ist die einzige deutsche Hochseeinsel die zweite Heimat des gebürtigen Ostwestfalen. Er mag das Schroffe, die Naturgewalten, die Wellen und den Wind, die mit ungebremster Kraft auf den roten Felsen treffen – und seine Arbeit auf dem dort stationierten Seenotrettungskreuzer HERMANN MARWEDE.

Für Gregor Jeske sind regelmäßige Übungen – wie hier die SAREx im Mai 2018 vor Wilhelmshaven – unerlässlich, um größtmögliche Routine für die speziellen Abläufe an Bord zu entwickeln und im Ernstfall blitzschnell auf unvorhergesehene Dinge reagieren zu können. I Foto: Steven Keller

SEENOTRETTER WERDEN?

Sie fahren raus, wenn andere reinkommen – rund um die Uhr, bei jedem Wetter: unsere aktuell rund 1.000 Seenotretter. Um andere Menschen selbst unter widrigsten Bedingungen aus Not und Gefahr zu befreien, brauchen sie genau wie Hauke Janssen-Visser reichlich Erfahrung, Können und Mut. Sie haben Interesse und möchten sich ebenfalls an Bord unserer Rettungs­einheiten engagieren? 

Gregor Jeske mag seine Arbeit auf der HERMANN MARWEDE, dem größten Seenotrettungskreuzer der DGzRS. I Foto: Helmut Hofer

„Seenotrettung funktioniert nur als eingespieltes Team. Wir müssen uns auch in Ausnahmesituationen aufeinander verlassen können. Die Kameradschaft an Bord ist unheimlich wichtig!“

Kennengelernt haben sich Jasmin und Gregor Jeske vor mehr als einem Jahrzehnt in Leer: Beide studieren zu der Zeit an der dortigen Hochschule – sie SchiffsreedereiManagement, er Nautik. Er möchte sich seinen Kindheitstraum erfüllen und Seemann werden. Dieser steckt in ihm, seit er als Junge mit seinem Vater – einem Marinesoldaten – beim Hamburger Hafengeburtstag das geschäftige Treiben der Schiffe beobachtet, die großen und kleinen Pötte besichtigt hat und mit den Seeleuten ins Gespräch gekommen ist. „Da ist der Funke übergesprungen“, erinnert er sich. Ein Hauch Seefahrerromantik liegt sicherlich ebenfalls in seiner großen Sehnsucht nach der Weite der Meere, nach fernen Ländern und fremden Kulturen – auch wenn dieser schwärmerische Blick Ende der 1990er-Jahre nicht mehr das reale Bild an Bord zeichnet.

In Leer macht Gregor Jeske sein Kapitänspatent für die weltweite Fahrt. Schon während seines Studiums heuert er bei einer Kühlschifffahrtsreederei an, bringt Ananas und Bananen aus Mittelamerika nach Deutschland, später ist er an Bord von Schwergutfrachtern. Dabei sammelt der heute 34-Jährige auf den Weltmeeren reichlich Erfahrungen. Häufig sieht er am Horizont Helgoland vorbeiziehen und weiß bald: Er möchte nicht, wie auf Ozeanriesen üblich, das Schiff die meiste Zeit der Selbststeueranlage überlassen, sondern selbst das Ruder bedienen und mehr Fahrpraxis sammeln.

Nach seinem Studienabschluss geht der frischgebackene Nautiker deshalb in die küstennahe Schifffahrt: Gregor Jeske steuert Ausflugsdampfer rund um Helgoland, bringt bald von dort aus mit Windparkschiffen Menschen und Material zu den „Spargeltürmen“ nördlich des roten Felsens und der weißen Düne. Schnell kennt er die Gefahren und Eigenheiten des Reviers: „Im Gegensatz zu anderen Häfen ist man auf Helgoland sofort nach dem Ablegen auf der offenen See, die Wellen schlagen direkt mit voller Wucht auf das Schiff ein.“ In unmittelbarer Nähe der Hochseeinsel verlaufen Großschifffahrtswege. Dort befindet sich das berüchtigte „nasse Dreieck“ der Mündungen von Jade, Weser und Elbe – es ist das am stärksten befahrene Seegebiet der Welt.

Foto: Steven Keller

„Jeder Einsatz ist anders.“

Vormann Gregor Jeske

Auf Helgoland kommt Gregor Jeske mit den Seenotrettern ins Gespräch, begeistert sich für deren selbstlose Arbeit – und wird 2017 einer von ihnen. Das gilt ebenso für seine Frau Jasmin: Als regelmäßige Förderin gehört sie bereits seit 2006 zum #TeamSeenotretter. Der 34-Jährige mag seine anspruchsvolle und sinnstiftende Aufgabe:

„Wir müssen uns stets neu auf unerwartete Situationen einstellen und aus ihnen heraus handeln. Jeder Einsatz ist anders. Als Seenotretter müssen wir immer wieder improvisieren, das gehört zum Seemannsleben einfach dazu. Das macht für mich den Reiz aus. Und natürlich helfe ich gern Menschen in Not.“

Um für jede Lage gerüstet zu sein, ist für ihn ständiges Training unerlässlich. Dabei spiele das Miteinander eine essenzielle Rolle: „Seenotrettung funktioniert nur als eingespieltes Team. Wir müssen uns auch in Ausnahmesituationen aufeinander verlassen können. Die Kameradschaft an Bord ist unheimlich wichtig!“, betont Gregor Jeske. Und manchmal entstehen auch Freundschaften zwischen den Seenotrettern, so wie die zwischen ihm und seinem Vorgänger, Vormann Thilo Heinze. Aus diesem Grund habe ihm dessen Tod Ende 2023 nicht nur einen sehr geschätzten Kollegen genommen, sondern auch einen Freund.

Trotz seiner jungen Jahre hat Gregor Jeske bereits einige herausfordernde Einsätze mitgemacht: Ende Oktober 2023 ist der Mittdreißiger nach der Kollision der Frachtschiffe „Verity“ und „Polesie“ beispielsweise bei einem der umfangreichsten Einsätze der Seenotretter in den vergangenen Jahren dabei. „Ich stand so unter Strom, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich stundenlang nichts gegessen hatte, ich funktionierte einfach“, erinnert er sich. Mehr als 18 Stunden suchen die Seenotretter gemeinsam mit anderen nach sieben schiffbrüchigen Seeleuten. Zwei von ihnen werden gerettet, fünf weitere kommen beim Untergang der „Verity“ ums Leben.

Ein anderes Mal treibt nachts ein manövrierunfähiger Kutter bei starkem Seegang in einen Windpark hinein. Die Seenotretter bewegen sich mit der HERMANN MARWEDE rückwärts äußerst vorsichtig auf den Havaristen zu. Jeske: „Ich habe aufgrund der extrem eingeschränkten Sicht unseren damaligen Vormann Jörg Rabe um die Windkraftanlagen gelotst. Die Wellen habe ich erst gesehen, als sie brachen und sich auf ihrem Kamm weißer Schaum zeigte.“

Abstand von solch anstrengenden Einsätzen gewinnt Gregor Jeske sowohl bei den Gesprächen an Bord als auch bei seiner Familie in Baden-Württemberg. Wenn er dort Zeit mit seinem Sohn verbringt, vergisst er alles um sich herum – auch, welche Risiken er als Seenotretter mitunter eingeht, um anderen Menschen ein zweites Leben zu schenken.

Zur Seite: Kollision in der Deutschen Bucht – Seenotretter und zahlreiche weitere Kräfte im Einsatz – Mehrere Menschen vermisst

Am frühen Dienstagmorgen sind in der Deutschen Bucht zwei Frachtschiffe miteinander kollidiert. Mehrere Rettungseinheiten der DGzRS sowie weitere Schiffe und Hubschrauber sind im Einsatz. Die Such- und Rettungsmaßnahmen werden durch den Seenotrettungskreuzer HERMANN MARWEDE koordiniert.

Seenotfälle

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Michaela Runknagel lebt ihren Traum: Vor fast acht Jahren ist die 52-Jährige von der Schwäbischen Alb an die Ostsee gezogen. Auf Fehmarn hat sie eine neue Heimat mit einem erfüllenden Ehrenamt gefunden – seit 2019 engagiert sie sich auf der Insel als freiwillige Seenotretterin.

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Gerd Hasselberg ist Rüganer durch und durch. Der 62-Jährige ist tief verwurzelt in der Region und engagiert sich in Glowe im Nordosten der Insel. Er ist ehrenamtlich bei den Seenotrettern, aber auch bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz.

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„Es ist ein schönes Gefühl, das Leben anderer zu retten“
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Sven Okken ist seit mehr als 20 Jahren beruflich auf der Nordsee unterwegs: Er ist Krabbenfischer. Der Heimathafen seiner „Pirola“ ist Norddeich. Der Kutter liegt unweit des Seenotrettungsbootes OTTO DIERSCH der DGzRS an der Pier. Zu dessen Besatzung gehört der 40-Jährige seit einigen Monaten.

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„Es gibt Momente, in denen weiß man: Dafür macht man das alles“, sagt Hauke Janssen-Visser.

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Seenotretter schaut über die Reling eines Seenotrettungskreuzers. Zur Seite: Porträt: Martin Rakobrandt

Zur Besatzung des Seenotrettungsbootes zu gehören, ist auf zahlreichen Stationen der DGzRS an Nord- und Ostsee oft Teil der Familientradition. Auch der Rüganer Martin Rakobrandt ist nicht der erste in seiner Familie, der rausfährt, wenn andere reinkommen.

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Seenotretter auf der Kommandobrücke mit Funkgerät in der Hand. Zur Seite: Frank Weinhold

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„Ich kann mich auf meine Kollegen verlassen, nicht nur im Einsatz. Vielen ist heute nicht mehr so bewusst, wie viel so eine Gemeinschaft einem gibt.”

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Er ist Seenotretter mit Leib und Seele: „Der Eintritt ist freiwillig. Der Austritt ist freiwillig. Dazwischen ist Dienst. Dann geht es um Menschenleben, auch am eigenen Hochzeitstag.“

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