Ralf Baur

Ralf Baur

Station Greifswalder Oie

Mitten in der südlichen Ostsee liegt die Greifswalder Oie. Auf der kleinen, abgeschiedenen Insel sind Seenotretter und Vogelschützer die einzigen Menschen. Lediglich in den Sommermonaten wird es etwas lebendiger: Für einen begrenzten Zeitraum dürfen sich dort Tagestouristen aufhalten.

Waldstücke, halboffene Flächen, ein gefährliches Kliff, eine Brackwasserlagune mit ausgedehnten Schilfbereichen und der Strand prägen das Bild der Greifswalder Oie. Nach der Wiedervereinigung nahm die DGzRS ihre Station auf der Insel wieder in Betrieb. Bereits ein Jahr später zog die Besatzung in das renovierte ehemalige Offiziersgebäude ein, das bis heute als Unterkunft dient. Zunächst war der frühere DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA auf der Oie stationiert.

Hinweisschild auf der Insel mit "Lebensgefahr, abbrechende Steilküste"
Ein Hinweisschild warnt Menschen vor der gefährlichen Steilküste.
Der Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ am Liegeplatz
Der Leuchtturm Greifswalder Oie bei Sonnenuntergang

Seit 2017 ist der Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ auf der Greifswalder Oie stationiert. | Leuchtturm Greifswalder Oie – das östlichste Leuchtfeuer Deutschlands: Mit 26 Seemeilen Trageweite ist es das lichtstärkste Schifffahrtszeichen Mecklenburg-Vorpommerns.

Als die Seenotretter sich im Januar 1991 mit der STOLTERA im Nothafen der Greifswalder Oie „klar P3“ meldeten, war die dortige Station seit mehr als 50 Jahren verwaist. Der historische Rettungsschuppen war halb verfallen, das Hansekreuz der DGzRS aus dem Giebel herausgebrochen. Doch bald sollte alles wieder in neuem Glanz erstrahlen. Der Funkspruch zur Rettungsleitstelle See in Bremen signalisierte nicht nur: „Wir sind einsatzbereit auf Station“, sondern war gleichzeitig der Startpunkt für ihre Wiedereinrichtung.

Die DGzRS hatte die Station ursprünglich 1881 gegründet. Am kleinen Schutzhafen errichtete sie einen Rettungsschuppen mit Schienenablaufbahn, am gepflasterten Aufgang zum Oberland ein weiteres Gebäude für den Raketenapparat samt Wagen. Da auf der dünn besiedelten Insel nur wenige Familien lebten, besetzten Männer wie Frauen gleichermaßen das zehnriemige Ruderrettungsboot KOMMERZIENRATH LOBECK. Der personelle Engpass führte schließlich 1907 dazu, die Bootsstation aufzulösen und einzig die Raketenstation weiterzubetreiben.

1937 musste die DGzRS die Insel räumen: Die Oie wurde militärisches Sperrgebiet, das Nazi-Regime siedelte die Einwohner um. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Areal weiterhin unzugänglich. Nach dem Mauerbau 1961 verlegte die DDRDiktatur Einheiten der „Grenzbrigade Küste“ auf die Insel, um eine Flucht über die Ostsee zu verhindern. Entsprechend war Wassersportlern das Überqueren der Binnenlinie zwischen dem Thiessower Südperd und der Insel Ruden strikt verboten. Lediglich Fischern mit Grenzschein war dies erlaubt, sie wurden jedoch strengstens kontrolliert.

DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA
Zunächst lag nach der Wiedervereinigung der ehemalige DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA auf der Oie.
Der historische Rettungsschuppen der Seenotretter auf der Insel Greifswalder Oie
Seenotretter vor Informationstafel auf der Greifswalder Oie

Im historischen Rettungsschuppen können die Seenotretter kleine Reparaturen vornehmen. | Vor ihrer Unterkunft legen die Seenotretter Denny Fastnacht (l.) und Arne Schuld neue Informationsmaterialien in die Stationstafel.

Allein mit Tieren

Als die Seenotretter 1991 schließlich zurückkehrten, teilten sie sich die menschenleere Insel allein mit Wildpferden, einem von den Soldaten der Nationalen Volksarmee zurückgelassenen schwarzen Kater und anderen Tieren. Die Shetlandponys hatte die Universität Rostock Jahrzehnte zuvor zu Forschungszwecken vor Ort angesiedelt. Seit den 1990er-Jahren steht die gesamte Oie samt umliegender Flachwassergebiete unter Naturschutz. Sie darf grundsätzlich nicht betreten werden – einzige Ausnahme sind die Seenotretter, Naturschützer und wenige Tagestouristen im Sommer.

In den ersten Monaten nach der Wiedereinrichtung der Station im Jahr 1991 renovierte die Besatzung um die damaligen Vorleute Uwe Kröger und Karl-Heinz Schumacher mit großem Elan und harter Arbeit den heruntergekommenen Rettungsschuppen. Sie beseitigten abgebröckelten Putz, Baumaterial, Schrott und Unrat aus dem Gebäude. Die kunstvoll gestalteten, schmiedeeisernen Beschläge der Torflügel restaurierten die Seenotretter liebevoll, am Giebel brachten sie das Hansekreuz wieder an. Binnen kurzer Zeit entstand so ein schmuckes Gerätehaus samt Werkstatt, das bis heute genutzt wird.

Ein Seenotrettungskreuzer manövriert in den Schutzhafen der Insel Grefiswalder Oie bei sonnigem Wetter.
Der Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbruechiger (DGzRS) auf Kontrollfahrt

Mehr als Seenotretter

Am Anleger im Nothafen lagen bald zwei Seenotrettungskreuzer: die HANS LÜKEN und die STOLTERA. Auf der ehemaligen Einheit des DDR-Seenotrettungsdienstes wohnte die Besatzung, bis sie im Juni 1992 in das instandgesetzte ehemalige Offiziersgebäude der „Grenzbrigade Küste“ umzog. Dies war eine gute Lösung, da das in Polen gebaute Boot geräumiger war als die kleinere HANS LÜKEN. Diese hatte die DGzRS im Mai 1991 von Langeoog auf die Greifswalder Oie verlegt, weil sie mit ihrem Tochterboot ABELIUS für die ausgedehnten Flachwassergebiete wesentlich besser geeignet war als die relativ tiefgehende STOLTERA.

Damit bereitete sich die DGzRS auf die nach dem Mauerfall erwartete Zunahme des Seeverkehrs vor. Eine wichtige Entscheidung: Nach jahrelanger Sperrung waren vor allem vielen Wassersportlern die Gefahren des schwierigen Reviers voller Flachwasserstellen nicht bekannt. Auch mangelte es an geeigneten Seekarten. Zahlreichen Menschen wurden das rund vier Seemeilen lange Oie-Riff und die Untiefen nördlich von der Insel Ruden sowie bei Thiessow zum Verhängnis – zum Glück waren die Seenotretter wieder einsatzklar.

Bis heute sichert die äußerst wichtige Station die Pommersche Bucht mit der viel befahrenen Schifffahrtsstraße von Trelleborg nach Swinemünde. Hinzu kommen der Verkehr von der Ostsee zum Greifswalder Bodden und Peenestrom sowie die weitläufigen tückischen Riffzonen, die dem Rügen-Südperd und dem Peenemünder Haken vorgelagert sind. Diese können gerade bei auflandigem Wind gefährlich werden.

Die Seenotretter auf der Oie sind übrigens weit mehr als Retter in der Not: Sie sind auch Gärtner, Hausmeister, Leuchtturmwärter, Strom- und Wasserversorger sowie im Notfall medizinische Ersthelfer an Land.

Seenotretter Arne Schuld. Zur Seite: Porträt: Arne Schuld

Arne Schuld hat als Seenotretter seine Lebensaufgabe gefunden: Seit 2021 ist er Maschinist bei der DGzRS. Davor war der 36-Jährige viele Jahre auf den Weltmeeren unterwegs, zuletzt als leitender Schiffsingenieur. Vor gut vier Jahren wechselte er vom Containerriesen auf einen Seenotrettungskreuzer.

Die Insel Greifswalder Oie bei Sonnenuntergang

Stationshistorie

1881
Stationsgründung

1907
Auflösung der Bootsstation, danach ausschließlich Nutzung als Raketenstation

1945
Station nach dem Zweiten Weltkrieg verlorengegangen

1991
Wiedereinrichtung der Station, der ehemalige DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA wird stationiert, im Mai kommt der Seenotrettungskreuzer HANS LÜKEN mit Tochterboot ABELIUS hinzu.

1993
Die STOLTERA wird außer Dienst gestellt.

1996
Im Juli löst der Seenotrettungskreuzer FRITZ BEHRENS mit Tochterboot ANNA die HANS LÜKEN ab.

2009
Im April Taufe des Seenotrettungskreuzers EUGEN mit Arbeitsboot HUBERTUS im Versorgungshafen Freest; die FRITZ BEHRENS wird außer Dienst gestellt.

2017
Der neue Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ mit Arbeitsboot ELSE ersetzt im Dezember die EUGEN, die kurz darauf nach Norderney verlegt wird.

Die Station Greifswalder Oie aus der Vogelperspektive bei Sonnenuntergang

Insel-Steckbrief

Die Greifswalder Oie ist eine kleine Insel am östlichen Ausgang des Greifswalder Boddens, rund 10,5 Kilometer nordöstlich des Peenemünder Hakens. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1282 als „Swante Wostroe“, eine heilige Insel. Wegen ihrer isolierten Lage wird sie oft als „Helgoland der Ostsee“ bezeichnet. Tatsächlich ähnelt sie auch in Größe und Form der Buntsandsteininsel in der Deutschen Bucht, wobei ihre Steilküste nur etwa 17 Meter aus der Ostsee ragt.

 Die Insel dient als Nothafen, der ausschließlich im Notfall angelaufen werden darf. Ein markantes Wahrzeichen ist der unter Denkmalschutz stehende Leuchtturm, der weithin sichtbar ist (Seite 15). Die Natur der Oie ist vielfältig: Waldstücke, halboffene Flächen, ein aktives Kliff, eine Brackwasserlagune mit ausgedehnten Schilfbereichen und ein Strand prägen das Bild. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind dort heimisch; aufgrund ihrer Lage ist die Insel zudem ein bedeutendes Rastgebiet für Zugvögel.

Fähre Jan Heweliusz. Zur Seite: Film: Der Untergang der „Jan Heweliusz“

Am 14. Januar 1993 sank die polnische Fähre „Jan Heweliusz“ im Orkan vor Rügen. Im Film sprechen Seenotretter und Gerettete über einen der herausforderndsten Einsätze in der Geschichte der DGzRS.

Wir fahren raus – immer. Dank Ihrer Spende!

Weitere Artikel

Seenotrettungskreuzer Hans Hachmack im Sturm bei voller Fahrt. Zur Seite: Jahrbuch

Für alle Menschen, die uns spenden:
Das Jahrbuch 2026 kommt!

Zwei Seenotrettungskreuzer während der Eiswette in Bremen. Zur Seite: Bremer Eiswette 2026: „De Werser geiht!“

Das Ergebnis der traditionsreichen Bremer Eiswette steht einmal mehr fest: Die Frage, ob „de Werser geiht“ oder „steiht“, also fließt und eisfrei oder aber zugefroren ist, war am Dreikönigstag 2026 eindeutig zu beantworten. Die Eisprobe der Bremer Eiswettgesellschaft von 1829 ergab auch 197 Jahre nach der ersten, früher für Handel und Schifffahrt wichtigen Zeremonie: alles im Fluss auf dem Fluss.

Fahraufnahme Seenotrettungsboot Butenschoen. Zur Seite: Jahresrückblick 2025

Jahresrückblick 2025

Blicken Sie mit unserem Video-Jahresrückblick auf ein bewegtes – und bewegendes – Seenotretter-Jahr 2025 zurück! Wir bedanken uns bei Ihnen allen im #TeamSeenotretter für Ihre großartige Unterstützung im zu Ende gehenden Jahr!