Mitten in der südlichen Ostsee liegt die Greifswalder Oie. Auf der kleinen, abgeschiedenen Insel sind Seenotretter und Vogelschützer die einzigen Menschen. Lediglich in den Sommermonaten wird es etwas lebendiger: Für einen begrenzten Zeitraum dürfen sich dort Tagestouristen aufhalten.
Waldstücke, halboffene Flächen, ein gefährliches Kliff, eine Brackwasserlagune mit ausgedehnten Schilfbereichen und der Strand prägen das Bild der Greifswalder Oie. Nach der Wiedervereinigung nahm die DGzRS ihre Station auf der Insel wieder in Betrieb. Bereits ein Jahr später zog die Besatzung in das renovierte ehemalige Offiziersgebäude ein, das bis heute als Unterkunft dient. Zunächst war der frühere DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA auf der Oie stationiert.
Als die Seenotretter sich im Januar 1991 mit der STOLTERA im Nothafen der Greifswalder Oie „klar P3“ meldeten, war die dortige Station seit mehr als 50 Jahren verwaist. Der historische Rettungsschuppen war halb verfallen, das Hansekreuz der DGzRS aus dem Giebel herausgebrochen. Doch bald sollte alles wieder in neuem Glanz erstrahlen. Der Funkspruch zur Rettungsleitstelle See in Bremen signalisierte nicht nur: „Wir sind einsatzbereit auf Station“, sondern war gleichzeitig der Startpunkt für ihre Wiedereinrichtung.
Die DGzRS hatte die Station ursprünglich 1881 gegründet. Am kleinen Schutzhafen errichtete sie einen Rettungsschuppen mit Schienenablaufbahn, am gepflasterten Aufgang zum Oberland ein weiteres Gebäude für den Raketenapparat samt Wagen. Da auf der dünn besiedelten Insel nur wenige Familien lebten, besetzten Männer wie Frauen gleichermaßen das zehnriemige Ruderrettungsboot KOMMERZIENRATH LOBECK. Der personelle Engpass führte schließlich 1907 dazu, die Bootsstation aufzulösen und einzig die Raketenstation weiterzubetreiben.
1937 musste die DGzRS die Insel räumen: Die Oie wurde militärisches Sperrgebiet, das Nazi-Regime siedelte die Einwohner um. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Areal weiterhin unzugänglich. Nach dem Mauerbau 1961 verlegte die DDRDiktatur Einheiten der „Grenzbrigade Küste“ auf die Insel, um eine Flucht über die Ostsee zu verhindern. Entsprechend war Wassersportlern das Überqueren der Binnenlinie zwischen dem Thiessower Südperd und der Insel Ruden strikt verboten. Lediglich Fischern mit Grenzschein war dies erlaubt, sie wurden jedoch strengstens kontrolliert.
Allein mit Tieren
Als die Seenotretter 1991 schließlich zurückkehrten, teilten sie sich die menschenleere Insel allein mit Wildpferden, einem von den Soldaten der Nationalen Volksarmee zurückgelassenen schwarzen Kater und anderen Tieren. Die Shetlandponys hatte die Universität Rostock Jahrzehnte zuvor zu Forschungszwecken vor Ort angesiedelt. Seit den 1990er-Jahren steht die gesamte Oie samt umliegender Flachwassergebiete unter Naturschutz. Sie darf grundsätzlich nicht betreten werden – einzige Ausnahme sind die Seenotretter, Naturschützer und wenige Tagestouristen im Sommer.
In den ersten Monaten nach der Wiedereinrichtung der Station im Jahr 1991 renovierte die Besatzung um die damaligen Vorleute Uwe Kröger und Karl-Heinz Schumacher mit großem Elan und harter Arbeit den heruntergekommenen Rettungsschuppen. Sie beseitigten abgebröckelten Putz, Baumaterial, Schrott und Unrat aus dem Gebäude. Die kunstvoll gestalteten, schmiedeeisernen Beschläge der Torflügel restaurierten die Seenotretter liebevoll, am Giebel brachten sie das Hansekreuz wieder an. Binnen kurzer Zeit entstand so ein schmuckes Gerätehaus samt Werkstatt, das bis heute genutzt wird.
Mehr als Seenotretter
Am Anleger im Nothafen lagen bald zwei Seenotrettungskreuzer: die HANS LÜKEN und die STOLTERA. Auf der ehemaligen Einheit des DDR-Seenotrettungsdienstes wohnte die Besatzung, bis sie im Juni 1992 in das instandgesetzte ehemalige Offiziersgebäude der „Grenzbrigade Küste“ umzog. Dies war eine gute Lösung, da das in Polen gebaute Boot geräumiger war als die kleinere HANS LÜKEN. Diese hatte die DGzRS im Mai 1991 von Langeoog auf die Greifswalder Oie verlegt, weil sie mit ihrem Tochterboot ABELIUS für die ausgedehnten Flachwassergebiete wesentlich besser geeignet war als die relativ tiefgehende STOLTERA.
Damit bereitete sich die DGzRS auf die nach dem Mauerfall erwartete Zunahme des Seeverkehrs vor. Eine wichtige Entscheidung: Nach jahrelanger Sperrung waren vor allem vielen Wassersportlern die Gefahren des schwierigen Reviers voller Flachwasserstellen nicht bekannt. Auch mangelte es an geeigneten Seekarten. Zahlreichen Menschen wurden das rund vier Seemeilen lange Oie-Riff und die Untiefen nördlich von der Insel Ruden sowie bei Thiessow zum Verhängnis – zum Glück waren die Seenotretter wieder einsatzklar.
Bis heute sichert die äußerst wichtige Station die Pommersche Bucht mit der viel befahrenen Schifffahrtsstraße von Trelleborg nach Swinemünde. Hinzu kommen der Verkehr von der Ostsee zum Greifswalder Bodden und Peenestrom sowie die weitläufigen tückischen Riffzonen, die dem Rügen-Südperd und dem Peenemünder Haken vorgelagert sind. Diese können gerade bei auflandigem Wind gefährlich werden.
Die Seenotretter auf der Oie sind übrigens weit mehr als Retter in der Not: Sie sind auch Gärtner, Hausmeister, Leuchtturmwärter, Strom- und Wasserversorger sowie im Notfall medizinische Ersthelfer an Land.
Stationshistorie
1881
Stationsgründung
1907
Auflösung der Bootsstation, danach ausschließlich Nutzung als Raketenstation
1945
Station nach dem Zweiten Weltkrieg verlorengegangen
1991
Wiedereinrichtung der Station, der ehemalige DDR-Seenotrettungskreuzer STOLTERA wird stationiert, im Mai kommt der Seenotrettungskreuzer HANS LÜKEN mit Tochterboot ABELIUS hinzu.
1993
Die STOLTERA wird außer Dienst gestellt.
1996
Im Juli löst der Seenotrettungskreuzer FRITZ BEHRENS mit Tochterboot ANNA die HANS LÜKEN ab.
2009
Im April Taufe des Seenotrettungskreuzers EUGEN mit Arbeitsboot HUBERTUS im Versorgungshafen Freest; die FRITZ BEHRENS wird außer Dienst gestellt.
2017
Der neue Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ mit Arbeitsboot ELSE ersetzt im Dezember die EUGEN, die kurz darauf nach Norderney verlegt wird.
Insel-Steckbrief
Die Greifswalder Oie ist eine kleine Insel am östlichen Ausgang des Greifswalder Boddens, rund 10,5 Kilometer nordöstlich des Peenemünder Hakens. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1282 als „Swante Wostroe“, eine heilige Insel. Wegen ihrer isolierten Lage wird sie oft als „Helgoland der Ostsee“ bezeichnet. Tatsächlich ähnelt sie auch in Größe und Form der Buntsandsteininsel in der Deutschen Bucht, wobei ihre Steilküste nur etwa 17 Meter aus der Ostsee ragt.
Die Insel dient als Nothafen, der ausschließlich im Notfall angelaufen werden darf. Ein markantes Wahrzeichen ist der unter Denkmalschutz stehende Leuchtturm, der weithin sichtbar ist (Seite 15). Die Natur der Oie ist vielfältig: Waldstücke, halboffene Flächen, ein aktives Kliff, eine Brackwasserlagune mit ausgedehnten Schilfbereichen und ein Strand prägen das Bild. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind dort heimisch; aufgrund ihrer Lage ist die Insel zudem ein bedeutendes Rastgebiet für Zugvögel.