Obwohl sie Hunderte von Kilometern von der Küste entfernt leben, engagieren sich Dirk Barner, Burkhard Heimann und Frank Hoffmann mit großer Leidenschaft für die Seenotretter. Die drei verbindet ihre Liebe zur See, ihre Wertschätzung für die DGzRS und ihr gemeinsames Ehrenamt in Sachsen-Anhalt.
Es ist wie ein Albtraum: Um ihn herum sind nur dunkle Wellen, die gierige Nordsee versucht Dirk Barner zu verschlingen, doch seine Rettungsweste hält ihn an der Oberfläche. Bange Gedanken schießen ihm durch den Kopf: „Was passiert mit mir? Finden sie mich?“ Doch es ist Realität: Anfang 1998 kämpft er ums Überleben.
Wenige Minuten zuvor steht der 19- jährige Auszubildende noch an Bord eines Binnenschiffes. Kurz vor der Hafeneinfahrt in die belgische Stadt Antwerpen verliert Dirk Barner plötzlich das Gleichgewicht und stürzt ins Wasser. „Mir war zwar klar, die suchen mich“, erinnert sich der heute 47-Jährige. Doch der Seegang treibt ihn schnell aus dem Sichtfeld seiner Kollegen. Ihm wird kalt, jede Minute scheint endlos.
Plötzlich spürt Dirk Barner einen Ruck an seiner Rettungsweste. Ein niederländischer Seenotretter der Koninklijke Nederlandse Redding Maatschappij (KNRM), der in unmittelbarer Nähe des Unglücksortes den Notruf als Erster wahrgenommen hat, zieht ihn etwa 15 Minuten nach dem Unglück an Bord. „Mir kam es wie eine Ewigkeit vor“, sagt Barner, für den an diesem Tag ein zweites Leben beginnt.
„Ein Ehrenamtlicher hat die Arbeit so wunderbar dargestellt, dass ich mich direkt auf der Insel entschieden habe, mitzumachen.“
Dirk Barner
Allein auf See
Auch Burkhard Heimann kennt das Gefühl, allein auf See zu sein – wenn auch unter völlig anderen Umständen. Der gebürtige Magdeburger ist mehr als 33.000 Seemeilen über die Weltmeere gesegelt, unter anderem einhand. „Es ist eine ganz eigene Atmosphäre, nur mit sich und der Natur zu sein.“ Der 67-Jährige fühlt sich dann frei und unabhängig. Darum liebt er längere Schläge mehr, als jeden Abend den nächsten Hafen anzulaufen.
Schon zu DDR-Zeiten träumt Burkhard Heimann vom Segeln auf der Ostsee. Doch sein Wunsch erfüllt sich erst nach der Wende. Sein erster Törn ist allerdings ein Reinfall, fast alles geht schief: Das Segel reißt, der Motor fällt aus. Der Skipper bietet an, am nächsten Wochenende erneut mit allen Gästen rauszufahren. Heimann ist wieder dabei. „Ich hatte Blut geleckt“, sagt der Elektroingenieur für Medizintechnik. Bis heute muss er, so oft es geht, raus aufs Meer. Vor einigen Monaten ist er erst im Indischen Ozean unterwegs gewesen, im Juni vor Griechenland im Saronischen Golf und jetzt im Herbst geht es für ihn über die Meerenge „The Denmark Strait“ von Island nach Grönland.
Abschied von der Küste
Der Dritte des Ehrenamtstrios in Sachsen-Anhalt ist mit der See ebenfalls eng verbunden: Frank Hoffmann ist ein Küstenkind. Geboren und aufgewachsen in Rostock, geht er früh in die Fischerei. Nach Ausbildung und Studium der Schiffsbetriebstechnik an der Seefahrtsschule Warnemünde-Wustrow fährt der heute 68-Jährige mit Schiffen des DDR-Fischkombinats raus, lediglich unterbrochen von drei Jahren bei der Volksmarine.
1982 folgt der große Einschnitt: Seine Frau erhält nach dem Studium – staatlich verordnet – eine Stelle im Binnenland. „Wir haben uns mit Magdeburg für das kleinste Übel entschieden“, sagt Frank Hoffmann. Mit dieser sogenannten Absolventenlenkung legt der SED-Staat den Arbeitsort nach den Erfordernissen der Wirtschaft fest. Für ihn bedeutet der 300-Kilometer-Umzug den Abschied von der Seefahrt. Doch die Familie ist ihm wichtiger als seine Heimat.
n der Elbe bleibt es für Frank Hoffmann zunächst beruflich maritim, er arbeitet als technischer Leiter eines Fischverarbeitungsbetriebs. Später wechselt er zu den Armaturenwerken und wird nach der Wende Betriebsingenieur für Heizungs- und Lüftungsanlagen. Obwohl Magdeburg über die Jahre zu seinem Zuhause wird, bleibt die Küste in seinem Herzen. Noch heute fährt er jeden Monat für ein paar Tage nach Rostock.
„Es ist meine große Verbundenheit mit der Küste, die mich zu ihnen gebracht hat.“
Frank Hoffmann
Zurück zu Dirk Barner und seinem zu Beginn geschilderten einschneidenden Erlebnis. Für ihn verschieben sich nach seinem Schiffbruch vorherige Gewissheiten. Für ihn hat die See ihre Unschuld verloren. Dieses Ereignis macht seinem Lebensplan „einen Strich durch die Rechnung“. Der gebürtige Halberstädter geht für immer von Bord. Bis heute kümmert er sich in seiner Heimatstadt um Geld- und Werttransporte, seit einigen Jahren in leitender Position.
Doch seine große Dankbarkeit gegenüber den Seenotrettern und seine Faszination für deren Arbeit bleibt. Seinen damaligen Retter trifft Dirk Barner Anfang der 2010er-Jahre bei einem KNRM-Aktionstag sogar wieder. „Auf einmal tippte mir jemand von hinten auf meine Schulter und sagte in gebrochenem Deutsch: ‚Dick kenn ick.‘“ Der Mann kann sich auch mehr als zwei Jahrzehnte später noch an das Gesicht des von ihm geretteten Schiffbrüchigen erinnern, auch für ihn ist es ein bleibendes Erlebnis. Dirk Barner ist total überrascht. Er freut sich, den Menschen wiederzusehen, der ihn 1998 das Leben gerettet hat.
Heute gehört er selbst zu den Seenotrettern – an Land. Dazu kommt es nach dem Tag der Seenotretter in Sassnitz im Rügenurlaub 2023. „Ein Ehrenamtlicher hat die Arbeit so wunderbar dargestellt, dass ich mich direkt auf der Insel entschieden habe, mitzumachen.“ Ein Jahr später steht Barner in Sassnitz auf der anderen Seite des Infotisches und erzählt von seiner Rettung.
Auf Hilfe angewiesen
Hochseesegler Burkhard Heimann unterstützt die DGzRS bereits seit 1998 als regelmäßiger Förderer. Mehr als ein Jahrzehnt später kommt zu seinen anderen Ehrenämtern eines hinzu – bei den Seenotrettern. Für ihn ein logischer Schritt: „Ich habe sie schon immer sehr geschätzt. Denn sie sind es, die kommen, wenn Menschen auf See in Not sind.“
Einmal ist der erfahrene Skipper tatsächlich selbst auf die Seenotretter angewiesen: in seinem Heimatrevier, auf der Ostsee: „Darüber spreche ich allerdings nicht so gerne“, sagt Burkhard Heimann. Vor Großenbrode hält der Anker seiner Yacht nicht, der Motor springt nicht an. Schnell schleppt der Seenotrettungskreuzer BREMEN sein Boot bei rauer See in den Hafen.
Anfangs ist Burkhard Heimann der einzige Ehrenamtliche im dünn besiedelten Sachsen-Anhalt. Doch er lässt sich nicht entmutigen, holt sich für Messen und Veranstaltungen Hilfe von weiter her: Noch heute ist Benjamin Friedrich aus dem niedersächsischen Helmstedt dabei. „Dann kamen zum Glück Dirk und Frank dazu.“
Frank Hoffmann kennt die Seenotretter noch aus Rostock. „Damals fischten aber vor allem die Grenzschützer die Leute raus, bevor die Seenotretter wegen notwendiger Genehmigungen überhaupt auslaufen konnten“, erinnert er sich. Nachdem die DGzRS 1990 die Stationen in Mecklenburg-Vorpommern wieder übernommen hat, wird er dauerhafter Spender und 2020, in beruflich ruhigeren Zeiten, schließlich ehrenamtlicher Mitarbeiter. „Es ist meine große Verbundenheit mit der Küste, die mich zu ihnen gebracht hat.“
Mit seinem Engagement möchte Frank Hoffmann genauso wie Dirk Barner und Burkhard Heimann die Seenotretter im Binnenland bekannter machen, ihnen ein Gesicht geben, Geld sammeln. „Die Menschen sind oft erstaunt, aber zeigen sofort Respekt vor der Arbeit“, sagt Dirk Barner. Dennoch sei es schwierig, sie auf Veranstaltungen wie dem Shanty-Chor-Treffen in Arneburg oder der Wassersportmesse „Magdeboot“ zu einer Spende oder gar zu einem kontinuierlichen Beitrag zu bewegen. Vielleicht wird dies künftig etwas einfacher, hofft das Trio. Denn auf der SET-Werft in Tangermünde wird ein neuer 26,1-Meter-Seenotrettungskreuzer gebaut – damit gibt es einen direkten Bezug zu Sachsen-Anhalt.
Die drei tauschen sich mit Ehrenamtlichen aus anderen Teilen Deutschlands aus, arbeiten mit ihnen zusammen. Manchmal wünschen sie sich dennoch mehr Unterstützung in ihrer Region und mehr Schultern, auf die sie die Arbeit verteilen können. „Wir sind ein sehr gutes, aber auch sehr kleines Team“, betont Frank Hoffmann. Die Aufgabe fern der Küste reizt die drei, macht ihnen große Freude. Und genauso wie die Seenotretter an Bord können sie sich jederzeit aufeinander verlassen. Alle arbeiten Hand in Hand. Das liegt auch daran, dass aus anfangs Unbekannten enge Freunde geworden sind.