Antke Reemts

Antke Reemts

Wartung mit höchster Präzision

Läuft ein Seenotrettungskreuzer bei Sturm aus, müssen seine Motoren direkt per Knopfdruck und unter extremen Bedingungen funktionieren. Deshalb wurden die beiden Hauptmaschinen der THEO FISCHER bis zur letzten Schraube zerlegt und überprüft.  

Wenn Jörn Meier über die „Dreisechsundneunziger“ spricht, begleitet er seine Worte mit einem anerkennenden Nicken. Diese Geste vom technischen Inspektor der DGzRS ist das höchste Lob für die beiden Antriebsaggregate. Sie haben seinen Worten zufolge „zehntausend auf der Uhr“ – sie sind also mehr als zehntausend Betriebsstunden gelaufen.

Die „Dreisechsundneunziger“, um die es geht, sind die beiden MTU-Dieselmotoren (8V 396 TE 74L) der THEO FISCHER, die es zusammen auf 2.700 PS (rund 1.986 kW) bringen. Der Seenotrettungskreuzer der 23,1-Meter-Klasse wurde 1997 gebaut. Kürzlich ist er zur Generalüberholung in die Schiffswerft Barth gekommen. Dort am südlichen Rand der mecklenburg-vorpommerschen Boddenkette nehmen die Schiffbauer die beiden Hauptmaschinen heraus. Anschließend werden sie ins niedersächsische Spelle zur Firma August Storm gefahren und von Spezialisten komplett zerlegt. „Da stand nur noch der Motorblock!“, erinnert sich Jörn Meier.

Für ein „normales“ 23-Meter-Schiff wären diese Antriebsaggregate überdimensioniert. Auf einen Seenotrettungskreuzer passen sie perfekt, sie müssen schließlich bei sehr schwerer See noch genug Vortrieb geben. Deshalb benötigen sie ausreichend Kraft. Lange Strecken mit gleichmäßigen Drehzahlen erleben die Maschinen eher selten. Kontrollfahrten mit Marschfahrt, Hafenliegezeiten und Einsätze wechseln sich ab. Im Seenotfall geht es mit voller Fahrt los – oder, wie es bei den Seenotrettern heißt: „Hebel auf den Tisch“. Die Gashebel werden wortwörtlich ganz nach vorn gedrückt. Zwar sind die Maschinen vorgewärmt, aber jeder Motor würde eine gleichmäßige Fahrt vorziehen. Doch im Einsatz zählt jede Minute.

Spezialisten prüfen mit Sorgfalt den Motor des Seenotrettungskreuzers
Spezialisten der Firma August Storm in Spelle überprüfen jedes einzelne Bauteil der Motoren mit größter Sorgfalt. | Foto: August Storm GmbH & Co. KG
Wiedereinbau des Motors: Auf einem Kran wird der gewartete Motor der Theo Fischer aufs Schiff geführt
Wiedereinbau des Motors des Seenotrettungskreuzers Theo Fischer

Auf der Schiffswerft Barth: Mit einem Kran heben die Schiffbauer den ersten der beiden Motoren wieder an Bord der THEO FISCHER. | Fotos: Stefan Sauer

Die Hauptmaschinen turnusgemäß zu zerlegen, dient also der Sicherheit der Besatzungen. „Im schweren Sturm ist das einwandfreie Funktionieren der Motoren die Lebensversicherung der Seenotretter!“, betont Jörn Meier. Jedes noch so kleine Bauteilchen wird deshalb bei der Firma August Storm gereinigt und begutachtet. Entspricht es weiterhin den hohen Anforderungen und kann wieder eingebaut werden? Lautet die Antwort nein, wird es repariert oder ausgetauscht. Dichtungen werden grundsätzlich ersetzt, da die verwendeten Kunststoffe – die Polymere – über die Jahre verhärten und ihre Elastizität verlieren. Da sie zuverlässig funktionieren müssen, gehört ihr Austausch zum Standardprogramm.

Im Zuge der Zerlegung zeigt sich, wie wichtig die Generalüberholung ist: Die Spezialisten entdecken an beiden Motoren gebrochene Spritzversteller. Obwohl diese Komponenten ihren Dienst grundsätzlich noch verrichten, könnte ein auf den Defekt zurückzuführender Folgeschaden erhebliche Konsequenzen haben, bis hin zum Ausfall der Antriebsaggregate. Die Zahnräder mit Federpaket sorgen normalerweise für jeweils acht Grad Verschiebung der Zündzeitpunkte der Hauptmaschinen – der Brennstoff verbrennt effizient bei unterschiedlicher Belastung. Die Spritzversteller werden vorsichtshalber ersetzt. Solche unvorhergesehenen „Baustellen“ kommen bei einer Wartung regelmäßig vor.

Auf der Schiffswerft Barth: Das Wiedereinsetzen der Maschinen ist Millimeterarbeit.
Millimeterarbeit: Durch eine Luke wird der Motor in den Maschinenraum abgesenkt. | Foto: Stefan Sauer

Die wieder zusammengesetzten Maschinen gehen im nächsten Schritt auf den Prüfstand und werden „eingefahren“. Kleine graue Wolken stehen über ihnen. In der Wartungshalle sind der Motorenblock und weitere Metallteile eingewachst worden, um sie vor Korrosion durch Feuchtigkeit zu schützen. Denn mit dem Warmwerden der Maschinen verdampft das Wachs. Erst wenn alle Messwerte stimmen und die Antriebsaggregate ihre volle Leistung erreichen, ist Jörn Meier zufrieden. Anschließend geht es für die Motoren zurück nach Mecklenburg-Vorpommern.

Auf der Schiffswerft in Barth ist der Seenotrettungskreuzer THEO FISCHER für den Wiedereinbau der Maschinen vorbereitet. Jetzt sind höchste Aufmerksamkeit und Präzision gefragt. Spezialisten der Werft und der Firma August Storm heben die Motoren per Kran zurück in den Maschinenraum. Dort werden sie fest verankert.

Erst wenn die THEO FISCHER umfangreiche Probefahrten erfolgreich absolviert hat, geht sie erneut in den Einsatz. Für Jörn Meier bedeutet die Sorgfalt der Spezialisten die Sicherheit der Besatzungen. Jede überprüfte Dichtung, jedes vermessene Bauteil und jede Testfahrt zahlt auf ein Ziel ein: die Seenotretter müssen sich auch im schwersten Sturm auf ihren Seenotrettungskreuzer verlassen können, sie müssen ihm jederzeit vertrauen.

Der Steuerbordmotor der Theo Fischer mit Nummerierung von 1 - 7 der einzelnen Bestandteile
Für den Prüfstand vorbereitet: Der überholte Steuerbordmotor der THEO FISCHER ist bereit für die abschließenden Tests. Die nummerierten Bauteile sind einige der Komponenten, die für Prüfung und Betrieb eine wichtige Rolle spielen. | Foto: August Storm GmbH & Co. KG

Für die Tests auf dem Prüfstand haben die Facharbeiter zwei hellblaue Kühlanschlüsse angebaut.

Das Abgasrohr leitet die heißen Verbrennungsgase vom Motor sicher aus dem Maschinenraum nach draußen.

Antrieb der Hydraulikpumpe für das Bugstrahlruder

Der Turbolader verdichtet die zugeführte Luft. So erzielt der Motor eine höhere Leistung als ein Saugmotor, der die Luft lediglich ansaugt.

Vor- und Rücklaufleitungen für den Brennstof

Mit dem Thermometer wird die Kühlwassertemperatur gemessen. Die Spezialisten haben es zusätzlich für die Prüfstandtests installiert.

Zum Schutz vor Korrosion haben die Facharbeiter den Motorblock für die Zeit der Wartung eingewachst.

Seenotrettungskreuzer in der hauseigenen Werft der DGzRS. Zur Seite: In der Werft der Seenotretter: Profis arbeiten für Profis

Die DGzRS verfügt auf dem Gelände ihrer Zentrale in Bremen über eine hauseigene Werft. Dort werden viele Einheiten der Rettungsflotte turnusgemäß generalüberholt, erhalten neue Ausrüstungsteile oder werden sogar umgebaut. Ohne das Team der Werft wären die Einsätze auf Nord- und Ostsee nicht möglich.

„Im schweren Sturm ist das einwandfreie Funktionieren der Motoren
die Lebensversicherung der Seenotretter!“ 

Jörn Meier

Weitere Artikel

Familie Adolph mit der Besatzung des Seenotrettungskreuzers Vormann Leiss. Zur Seite: Bei den Seenotrettern ins Leben gestartet

Manche Lebensgeschichten beginnen an außergewöhnlichen Orten: Im Fall von Gideon Adolph ist es der Seenotrettungskreuzer VORMANN LEISS. Nahezu 15 Jahre nach seiner Geburt an Bord hat der Schüler gemeinsam mit seiner Mutter erstmals die Zentrale der DGzRS in Bremen besucht.

Die Station Greifswalder Oie aus der Vogelperspektive bei Sonnenuntergang. Zur Seite: Greifswalder Oie

Mitten in der südlichen Ostsee liegt die Greifswalder Oie. Auf der kleinen, abgeschiedenen Insel sind Seenotretter und Vogelschützer die einzigen Menschen. Lediglich in den Sommermonaten wird es etwas lebendiger: Für einen begrenzten Zeitraum dürfen sich dort Tagestouristen aufhalten.

Seenotrettungskreuzer Hans Hachmack im Sturm bei voller Fahrt. Zur Seite: Jahrbuch

Für alle Menschen, die uns spenden:
Das Jahrbuch 2026 kommt!