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08.10.2020

Blick zurück: Vor zehn Jahren brannte auf der Ostsee das Ro-Ro-Fahrgastschiff „Lisco Gloria“

Vor zehn Jahren, am 8. Oktober 2010, brach kurz vor Mitternacht auf dem Ro-Ro-Fahrgastschiff „Lisco Gloria“ Feuer aus. Die litauische Fähre befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa sieben Seemeilen (ca. 12,5 Kilometer) nordwestlich von Fehmarn auf dem Weg von Kiel nach Klaipeda (Litauen). An Bord waren 114 Passagiere und 89 LKW-Fahrer sowie 32 Besatzungsmitglieder.

Seenotrettungskreuzer im Löscheinsatz vor brennender Fähre
Als Seenotrettungskreuzer vor Ort eintrafen, brannte bereits das gesamte Oberdeck.

Sieben Minuten nach Mitternacht alarmierte der Kapitän BREMEN RESCUE RADIO, die Seenotküstenfunkstelle der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Diese überwacht rund um die Uhr die internationalen Funknotruf-Frequenzen. Sie ist Teil der SEENOTLEITUNG BREMEN, die sofort alle weiteren Maßnahmen einleitete.

Das Feuer an Bord der „Lisco Gloria“ breitete sich in wenigen Minuten über das gesamte Oberdeck aus. Nur elf Minuten nach Brandausbruch ordnete der Kapitän die vollständige Evakuierung der Fähre an. Was folgte, war eine beispiellose Rettungsaktion: BREMEN RESCUE RADIO alarmierte die umliegende Schifffahrt. Wer helfen konnte, machte sich auf den Weg zum Unfallort. Von der DGzRS gingen die Seenotrettungskreuzer JOHN T. ESSBERGER (Station Großenbrode), BREMEN (Station Grömitz), BERLIN (Station Laboe) und die VORMANN JANTZEN (damals Vertretung auf der Station Maasholm) in den Einsatz.

Als erstes war das Bundespolizeiboot „Neustrelitz“ beim brennenden Havaristen. Die „Lisco Gloria“ ließ Rettungsboote zu Wasser, von denen die „Neustrelitz“ die Menschen übernahm. Als die Fähre „Deutschland“ vor Ort eintraf, setzte die „Neustrelitz“ die Geretteten auf das größere Schiff über. Ein 16-jähriger Junge, der sich nicht rechtzeitig in ein Rettungsboot hatte retten können, wurde von einem SAR-Hubschrauber der Deutschen Marine von der Fähre aufgewinscht. Die Schiffbrüchigen blieben weitestgehend unverletzt: Lediglich zwei Personen mussten wegen Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus geflogen werden, weitere trugen leichte Verletzungen davon und mussten behandelt werden.

Die menschenleere Fähre trieb brennend auf der Ostsee. Die großen Schiffe, die zur Rettung zu Hilfe geeilt waren und sich in der Nähe aufhielten, konnten nichts weiter ausrichten – sie wurden aus dem Einsatz entlassen. Das Feuer bekämpften neben den Seenotrettungskreuzern u.a. Fahrzeuge der Wasser- und Schifffahrtsbehörden.

Das Havariekommando übernahm von der SEENOTLEITUNG BREMEN der DGzRS aufgabengemäß die weitere Koordinierung. Es leitete in Absprache mit den dänischen Behörden den Einsatz auch dann weiter, als die Fähre gegen 2 Uhr morgens in dänisches Gewässer driftete. Das Feuer wütete indes auf nahezu der gesamten Fähre. Die Besatzung des Seenotrettungskreuzers BREMEN meldete Schlagseite der „Lisco Gloria“ von etwa fünf Grad nach Backbord aufgrund des eingedrungenen Löschwassers. Danach gingen die Einheiten vor Ort dazu über, nur noch die Außenhaut der Fähre zu kühlen. Mit der Zeit vergrößerte sich die Krängung auf 15 Grad.

Feuerlöschschiffe aus Kiel und Rostock, Schlepper sowie dänische Gewässerschutzschiffe trafen gegen Morgen des 9. Oktobers ein. Ein zweiköpfiges Boardingteam wurde von einem Hubschrauber auf dem brennenden Schiff abgesetzt. Ihm gelang es, beide Anker zu werfen, bevor der Hubschrauber sie wieder aufnahm. Die Seenotretter sicherten das Windenmanöver mit zwei Tochterbooten ab. Zwischenzeitlich war auch der Seenotrettungskreuzer ARKONA aus Warnemünde eingetroffen, um die seit vielen Stunden im Einsatz befindlichen Kollegen zu unterstützen.

Kräfte der Feuerwehren aus Kiel, Brunsbüttel, Lübeck, Flensburg, Cuxhaven, Hamburg und Rostock waren in den weiteren Verlauf eingebunden. An Land kümmerten sich das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund und der Malteser Hilfsdienst um die Geretteten.

Gegen 11 Uhr wurden die Seenotretter aus dem Einsatz entlassen.

Von der Reederei beauftragte Schlepper brachten die „Lisco Gloria“ später Richtung Langeland. Das Feuer war erst nach Tagen unter Kontrolle zu bringen und konnte erst vierzehn Tage später im dänischen Munkebo an der Pier vollständig gelöscht werden.

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung ermittelte später in Zusammenarbeit mit litauischen Behörden die Brandursache: Offenbar war das Feuer an einem LKW mit Kühlaggregaten auf dem Oberdeck ausgebrochen. Die exakte Ursache ließ sich jedoch nicht mehr feststellen. Alle Beteiligten waren sich einig, dass die moderaten Wetterverhältnisse ganz wesentlich zur gelungenen Rettungsaktion der 235 Menschen beigetragen hatten.

Für den Seenotrettungskreuzer JOHN T. ESSBERGER war es der letzte größere Einsatz. Kein Jahr später machte er sich zu Wasser und zu Lande auf seine letzte Reise ins Technik Museum Speyer. Dort ist das Schiff, das 36 Jahre im Dienst der DGzRS stand, zu besichtigen. Die BREMEN wurde nach Großenbrode verlegt. Die BERLIN ist inzwischen außer Dienst und wurde durch die neue BERLIN ersetzt. Die VORMANN JANTZEN ist nach wie vor „Springer“ und vertritt auf wechselnden Stationen andere Seenotrettungskreuzer. Die ARKONA ist weiterhin im Einsatz auf ihrer Station Warnemünde.

Die „Lisco Gloria“ konnte nicht gerettet werden. Das Schiff wurde abgewrackt.