26.06.2020

„Es erfüllt mich, Menschen zu helfen“

Ein langgedienter Seenotretter kann so manche Unbill abwettern. Kühlen Kopf bewahren, wenn es um Leben und Tod geht. Verzweifelte Menschen beruhigen, mächtige Motoren reparieren, filigrane Manöver in hohen Wellen fahren.

Ein Seenotretter steht in roter Einsatzkleidung mit Rettungsweste an dem Seitengang eines Seenotrettungskreuzers. Er lächelt freundlich zur Kamera und hält ein Fernglas in der Hand.

Vormann Hartmut Trademann
Foto: Stefan Sauer

Mitunter entwickeln Seenotretter ganz unerwartete Fähigkeiten, um Menschenleben zu retten. Vormann Hartmut Trademann (63) ist seit 29 Jahren Seenotretter, verbringt im Dienst seine Nächte neben dem Lautsprecher des Funkgeräts und schläft – bis der Funk zum Einsatz ruft. „Wenn ich ‚BERTHOLD BEITZ‘ höre, bin ich sofort wach“, sagt der erfahrene Seemann. Der Name des Seenotrettungskreuzers lässt seine innere Alarmglocke läuten. Meistens wacht er schon auf, wenn sich etwas zusammenbraut im Revier um die kleine Ostseeinsel Greifswalder Oie. Verirrte Funksprüche aus Polen und belanglose Nachrichten der allgemeinen Seefahrt filtert der Schlaf weg. „So machen wir das alle hier auf der Station. Wenn wirklich mal einer zu tief schläft, wecken die anderen ihn.“

In Spandowerhagen, mit Ostseesand zwischen den Zehen und Wind im Haar, ist Hartmut Trademann aufgewachsen. Das Revier um die Oie kennt er „auch ohne Karte ganz gut“, sagt er bescheiden. „Dort habe ich schon als kleiner Bengel mit meinem Großvater gefischt.“ Später wurde er Maschinist, arbeitete mit seinen zwei Onkeln auf dem Kutter. Dann kam die Wende. „Es gab neue Regeln und Vorgaben. Wir hatten ganz gut von der Fischerei gelebt, doch plötzlich war nichts mehr sicher.“ Ob der Kutter weiter die Familie würde ernähren können?

Als die DGzRS ihre seit Jahrzehnten verwaiste Rettungsstation auf der Oie wieder übernahm, suchten die Seenotretter einen weiteren Mann. „Innerhalb einer Nacht habe ich mich entschieden“, erinnert sich Trademann. Im ersten Jahr dachte er noch wehmütig zurück an die Fischerei. „Aber wenn ich etwas mache, dann richtig.“ Inzwischen ist er seit 17 Jahren Vormann und leitet das heute siebenköpfige Team.

Seenotretter bringen schwer erkrankten Mann sicher an Land

Mit dem Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ rettet Hartmut Trademann und seine Crew Schiffbrüchigen das Leben.

Adrenalin im Blut

Gemeinsam mit zwei weiteren Seenotrettern bewohnt er jeweils im Zwei-Wochen-Turnus ein einzelnes gelbes Haus auf der Oie: vier Schlafkammern, drei davon ausgestattet mit den Lautsprechern des Funkgeräts, zwei Bäder, Küche. Im Wohnraum stehen das Funkgerät und die technische Ausstattung, im Hof ein Fischräucherofen. Drumherum Wiesen, Bäume, Wind. Am Anleger im Nothafen, etwa 250 Meter entfernt, liegt die 20 Meter lange BERTHOLD BEITZ vertäut, ein reines Einsatzschiff ohne Kammern zum Übernachten, allzeit bereit, mit 1.675 PS in See zu stechen.

Einmal pro Woche fahren die Seenotretter damit rüber zum Festland, zum Schichtwechsel und Vorräte auffüllen. Oft gehen sie auf Kontrollfahrt rund um die Insel, bis nach Rügen und zur polnischen Grenze. Ansonsten sind die Männer allein auf der wohl einsamsten Station der DGzRS.

Das schweißt zusammen, zehn Jahre liegt der letzte Personalwechsel zurück. „Den Jungs gefällt es hier“, sagt Trademann zufrieden. Die Stimmung ist gelassen fokussiert, jeder kennt seine Aufgaben, ob im Einsatz an Bord oder an Land. Täglich prüfen die Männer das Schiff, alle paar Tage fahren sie das Revier ab. Auch Haus und Garten halten die Seeleute in Schuss. Viel Schnack braucht es da nicht. „Die Hecke muss geschnitten werden.“ – „Jo. Mach du ma. Dann mach ich das Mittagessen.“

Auf der Insel die einsame Seenotretter-WG, der durchgetaktete Tagesablauf, auf der See das Adrenalin im Blut bei rund 40 Einsätzen im Jahr. Zu Hause auf dem Festland in Spandowerhagen dann ein ganz anderes Leben: Dort hat Hartmut Trademann Zeit für seine Freundin, für Sport und Reisen und auch für die Tochter in Berlin und die kleine Enkelin. Der Zwei-Wochen-Arbeitsrhythmus passt gut zu seinem aktiven Lebensstil, findet er.

Bereits vor sieben Jahren hätte Trademann in Seemannsrente gehen können. Das ist bis heute kein Thema für ihn: „Es erfüllt mich, Menschen zu helfen.“ Den Geretteten in die Augen zu schauen und zu wissen: Man hat Wertvolles vollbracht. Eine Yacht war bereits voll Wasser gelaufen, als Hartmut Trademann und seine Kollegen sie erreichten, Besatzung und Boot retteten: „Die Frau an Bord weinte vor Erleichterung, und ich sah die Dankbarkeit in ihren Augen. ‚Ohne Euch wären wir nicht mehr da‘, sagte sie. Ein Menschenleben gerettet zu haben, das ist ein erhabenes Gefühl.“

AKTUELLE NEUIGKEITEN

Seitenansicht einer technischen Zeichnung eines Seenotrettungskreuzers der DGzRS in Rot‑Weiß mit SAR-Schriftzug, erhöhtem Steuerhaus, Antennenmast und einem achtern gelagerten Tochterboot auf weißem Hintergrund.. Zur Seite: DGzRS gibt Prototyp für neue Seenotrettungskreuzer-Klasse in Auftrag

Das gut 26 Meter lange Spezialschiff wird nach neuesten Erkenntnissen der Seenotretter gebaut. Der hochmoderne Neubau soll im Laufe des Jahres 2028 abgeliefert und in Dienst gestellt werden.

Auf offener See liegt ein historisch anmutendes Segelschiff mit dunklem Holzrumpf und hohen Masten. Links davon ein Seenotrettungsboot sowie rechts daneben ein weiteres sowie ein Seenotrettungskreuzer der DGzRS. Im Hintergrund ist eine entfernte Küstenlinie mit einzelnen Gebäuden zu sehen.. Zur Seite: Seenotretter trainieren in der Neustädter Bucht den Ernstfall

Koordinierung und Abläufe komplexer Notsituationen bilden Übungsschwerpunkte.

Eine Person in roter Seenotretter-Schutzausrüstung an Bord eines Seenotrettungsbootes mit Blick in die Ferne. Im Hintergrund zwei weitere Seenotrettungskreuzer, sowie Küste und Hafen.. Zur Seite: Seenotretter trauern um stellvertretenden DGzRS-Vorsitzer Matthias Claussen

Bremer Kaufmann und Jurist stirbt am 24. Januar 2026 im Alter von 73 Jahren.

Seenotretterin in Uniform schaut durch Fernglas auf hoher See

Das Seenotretter-Logbuch

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