Im Sommer 1961 steht Ulrich Reißenweber das erste Mal am Borkumer Strand. Der damals Siebenjährige schaut auf die Wellen, die sich für ihn vor dem Strand bedrohlich aufbauen. Sie machen ihm Angst. Er bleibt lieber auf Abstand, verbringt seine Tage damit, Sandburgen zu bauen. „Für ihn war es immer der feinste Sand der Welt“, berichtet seine Frau Margot Anfang Juni in der Seenotretter-Zentrale. Ihr Mann stirbt im Oktober 2024 im Alter von 71 Jahren nach einem langen Kampf gegen den Krebs.
In das Reizklima der Nordseeinsel fährt Ulrich Reißenweber mit seinen Eltern Anfang der 1960er-Jahre auf ärztlichen Rat. Die allergenarme und salzhaltige Seeluft soll seine Atemwegsbeschwerden lindern. Zunächst schließen sich die drei den Familienfreizeiten des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) an, wohnen in dessen Gästehaus „Victoria“ direkt am Strand. Später reisen sie regelmäßig im Sommer auf eigene Faust nach Borkum. Die Familie fährt zu den Seehundsbänken, kehrt im Café Ostland ein oder umrundet die Insel mit der Kutsche.
Bei einem dieser Ausflüge entdeckt Ulrich Reißenweber im Hafen die THEODOR HEUSS. Der Seenotrettungskreuzer mit seinem orangefarbenen Turm, dem Tochterboot TEDJE und seiner besonderen Rumpfform fasziniert ihn sofort. Er löchert seine Eltern mit Fragen, will alles über dieses spezielle Schiff wissen. Es vermittelt ihm aber noch etwas anderes: „Ein Gefühl von Sicherheit bei der Überfahrt zur Insel und zurück aufs Festland“, weiß Margot Reißenweber.
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Einsatz für andere
Das zunächst lose Band zwischen Ulrich Reißenweber und den Seenotrettern wird über die Jahre immer fester, bis der gebürtige Hesse schließlich Ende der 1990er-Jahre Förderer wird. Er bewundert ihren Mut, ihren unerschrockenen Einsatz für das Leben anderer – und das bei jedem Wetter, rund um die Uhr. In seinen Augen riskieren sie dabei oft ihr eigenes Leben. Auch ihr Finanzierungskonzept überzeugt den Sohn eines Finanzbeamten: Die Arbeit der DGzRS wird ausschließlich durch Spenden und freiwillige Beiträge getragen. „Das fand er großartig“, sagt seine Frau.
Borkum bleibt Zeit seines Lebens sein fester Anker: „Mindestens einmal im Jahr musste er dorthin. Das war für ihn Pflicht“, erzählt Margot Reißenweber. Die ostfriesische Insel ist 1981 auch das Ziel ihres ersten gemeinsamen Urlaubs. In den folgenden Jahren reist das Paar zwar mal hierhin, mal dorthin, aber Borkum bleibt immer eines ihrer Ziele. Seit 2010 verbringen sie sogar den Jahreswechsel dort statt in ihrer Heimat Kassel. Diese Inselliebe und die gewachsene Verbundenheit mit den Seenotrettern führen schließlich dazu, dass sich Ulrich Reißenweber mit einem größeren Betrag am Bau des neuen Seenotrettungskreuzers für Borkum beteiligt. 2020 wird die HAMBURG in Dienst gestellt und ersetzt die ALFRIED KRUPP.
Margot Reißenweber berichtet von berührenden Begegnungen mit Rettungsleuten, von einem überraschenden Päckchen mit einer DVD und weiteren Materialien zur Taufe der HAMBURG aus der DGzRS-Zentrale sowie von strahlenden Augen ihres Mannes bei einem besonderen Besuch der Station Borkum. „Diesen Moment werde ich nie vergessen.“ Aber sie erzählt auch von krankheitsbedingten Absagen und der großen Enttäuschung, als die Taufe des neuen Seenotrettungskreuzers im April 2020 wegen der Coronavirus-Pandemie ausfällt, und von ihrem letzten gemeinsamen Urlaub auf Borkum über den Jahreswechsel 2023/2024. Zu dieser Zeit hat der Krebs bereits von weiten Teilen des Körpers ihres Mannes Besitz ergriffen.
Ihr Mann gibt dennoch nicht auf. Ulrich Reißenweber kämpft. Er will weiterleben, noch einmal die Insel besuchen. Doch am 11. Oktober 2024 stirbt er im Alter von 71 Jahren. Zuvor hat er seiner Frau zwei Wünsche mitgegeben: Bei seiner Trauerfeier sollen die Gäste statt Kränzen und Blumen lieber für die Seenotretter spenden. Außerdem soll ein sechsstelliger Betrag in die Stiftung „Die Seenotretter“ fließen. Damit möchte er die DGzRS über seinen Tod hinaus unterstützen – etwas Bleibendes hinterlassen.
Und noch etwas berichtet Margot Reißenweber: Irgendwann fürchtete ihr Mann die Wellen vor Borkum nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Sie konnten für ihn gar nicht hoch genug sein.