Ralf Baur

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Sturmsegeln: „Aus Respekt darf niemals Angst werden!“

Thomas Baumgärtel (56) und Thomas Engbert (48) sind erfahrene Seenotretter. Sie blicken auf mehrwöchige Törns zurück, bei denen die beiden auch als Segler mit ihrer Yacht oder Schiff in stürmische See gerieten und auch spezielle Sturmsegel setzen mussten.

Welche Erfahrungen sie mit schwerem Wetter gemacht und welche Tipps sie für solche Lagen, fürs Sturmsegeln haben, erzählen sie im Interview.

So sieht Sturmsegeln aus: In der aufgepeitschten See kann es bei der „Dagmar Aaen“ auch zu extremen Krängungen kommen. Die Segel hat die Crew bereits eingeholt. Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Wenn man längere Zeit mit einem Schiff, meiner Yacht auf See ist, muss man da mit jedem Wetter rechnen?

Thomas Baumgärtel: Ja, unbedingt! Es lässt sich nicht immer vermeiden, in einen Sturm zu geraten, für Berufsseeleute ohnehin nicht, aber auch für Wassersportler nicht. Wenn man auf Langfahrt ist, erwischt es einen irgendwann fast zwangsläufig – unabhängig davon, auf welchem Weltmeer die Reise stattfindet, einfach weil die Wettervorhersage für längere Zeiträume nicht genau genug ist und sich lokal mitunter Tiefdruckgebiete sehr schnell aufbauen können. Und einem großen Tief auszuweichen, ist für Segler auch keine Option, weil dafür die Geschwindigkeit ihrer Schiffe oder Yachten nicht ausreicht.

Thomas Engbert: Ich kenne das aus eigenem Erleben: Im Nordatlantik oder vor Kap Hoorn ist das Wetter oft tage- und wochenlang mehr als ungemütlich. Dort bekommt man eindrücklich vor Augen geführt, dass die Natur stärker ist als der Mensch. Wenn es einen dann – wie Thommy sagt – erwischt, muss man, so gut wie möglich, darauf vorbereitet sein. Das gilt aber auch für das Revier vor der eigenen Haustür, beispielsweise der Nordsee. Gerade im küstennahen Bereich, wo man gegebenenfalls keinen Raum zum Ablaufen hat oder wo sich wegen der geringen Wassertiefe ein steileres Wellenbild ergibt, kann Sturm manchmal gefährlicher sein als auf hoher See. Wichtig ist, niemals aus dem sicheren Hafen in schweres Wetter hineinzufahren. Das hätte mit guter Seemannschaft nichts mehr zu tun ...

Baumgärtel: … dazu passt sehr gut, was Karlheinz Neumann in seinem Revierhandbuch „Von der Elbe bis zum IJsselmeer“ in etwa so geschrieben hat: Von zehn Törns auf der Nordsee sind acht wunderbar. Der neunte ist oftmals einer von dem man hinterher denkt: Das war jetzt grenzwertig. Und die zehnte Reise ist die, von der man nicht zurückkehrt. Diese herauszufinden und im sicheren Hafen zu bleiben – das ist Seemannschaft!

Engbert: Ja, das Zitat unterstreicht es wirklich noch einmal: Im Zweifel sollte jeder Wassersportler mit seiner Yacht, seinem Schiff lieber fest vertäut an seinem Liegeplatz bleiben. Auf einen Aspekt der Wettervorhersage möchte ich noch kurz eingehen: Für lange Törns ohne Datenverbindung gibt es die Möglichkeit einer individuellen Wetterberatung, bei der Skipper auch von Bord aus jederzeit per Satellitentelefon mit einem Meteorologen telefonieren und mit ihm Kursänderungen besprechen können. Da ist heutzutage schon viel möglich. Dennoch kann es einen erwischen. Darum muss man bereits vor Fahrtantritt für solche Situationen gerüstet sein.

Was muss man auf jeden Fall vor einem Törn beherzigen?

Baumgärtel: Man muss sich auf jeden Fall einige Tage mit seinem Boot, seiner Yacht, seinem Schiff beschäftigen.

Man muss buchstäblich in jede Ecke kriechen, einfach alles kontrollieren, was man kontrollieren kann, sowohl über als auch unter Deck.

Engbert: Dem kann ich nur beipflichten: Als wir vor einigen Jahren mit einer Segelyacht den Atlantik queren wollten, haben wir alles auf Herz und Nieren getestet, uns jeden Bolzen, jeden Sicherungssplint am Rigg und jede Naht der Segel angeschaut. Wir haben die gesamte Technik von Maschine, Batterien und Lenzpumpen über Kommunikations- und Navigationsgeräte bis hin zu den Seenotsignalmitteln überprüft. Wir haben auch Worst-Case-Szenarien durchgespielt und Aufgaben verteilt, damit jeder weiß, was er in Extremsituationen zu tun hat. Wer nicht vorbereitet ist, dem droht eine kräftige Ohrfeige. Kleine Probleme können sich schnell verketten und zu einem großen Unglück führen, gerade wenn die Küste Hunderte von Seemeilen entfernt und damit Hilfe weit weg ist. Darum: Das A und O für jeden Törn ist eine ausgezeichnete Vorbereitung, und man sollte immer einen Plan B in der Tasche haben.

Film: „Im Sturm“

Auch bei Windstärke 7 und mehr sind die Seenotretter im Einsatz, bei Sturm und Orkan. Seenotretter, Fischer und Wetterexperte sprechen im Film über Sturm und Orkan.

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Ralf Baur

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Fotos: Arved Fuchs Expeditionen

„In einem Sturm zu segeln, ist körperlich und psychisch sehr anstrengend“, weiß Seenotretter Thomas Engbert von seinen Fahrten mit der „Dagmar Aaen“ aus eigener Erfahrung.

Wie verhält man sich, wenn man absehbar in einen Sturm geraten wird?

Baumgärtel: In so einem Fall sollte manan Bord alles seefest machen, es darf später nichts mehr rumfliegen können. Dann kommt es darauf an, die richtigen Segel zu setzen, die Wache einzuteilen und die Kojen vorzubereiten. Man sollte sich warme Getränke auf Vorrat machen und eine wärmende Suppe in einen Thermobehälter füllen, weil das Kochen und Handtieren mit heißem Wasser später bei Wind und Seegang einfach zu gefährlich ist.

Engbert: Ja, die Verproviantierung ist enorm wichtig, nichts ist schlimmer als Hunger. Sonst wird man noch schwächer, Fehler häufen sich. Auch wichtig ist, für den Fall der Fälle die letzte Position an seinen Notfallkontakt durchzugeben. Das erleichtert später eventuelle Suchen. Dann sollte man warme Sachen bereitlegen beziehungsweise anziehen. Und jeder, der wachfrei hat, sollte versuchen zu schlafen, damit er während seiner Wache fit genug ist. Und last but not least: spätestens jetzt einmal mit der Crew durchsprechen, was auf sie zukommen kann.

Baumgärtel: Man sollte versuchen, auf der Rückseite des Tiefdruckgebiets zu segeln und hinter dem Kern durchzukommen, weil dort die Windstärken geringer sind und der Wind nicht so sprunghaft ist. Dann muss man auf die Luftdruckunterschiede achten: Je geringer der Gradient ist, desto schwächer weht der Wind. Dort sollte man sich möglichst aufhalten, auch wenn man dafür Umwege in Kauf nehmen muss. Und manchmal ist es besser, ein mittleres Tiefdruckgebiet mitzunehmen, wenn dadurch ein schweres vermeiden werden kann.

 

Und wie verhält man sich im Sturm?

Baumgärtel: Man sollte möglichst mit dem Wind segeln – er sollte idealerweise schräg von achtern kommen. Auf diese Weise wird die Anprallmacht der Wellen gemindert und man ist schon allein deswegen komfortabler unterwegs. Wenn das nicht machbar ist, weil der Raum nach Lee nicht ausreicht, sollte man beidrehen, das Vorsegel also beim Wenden nicht anfassen, und das Ruder hart nach Luv drehen und festmachen. Das Vorsegel steht dann auf der verkehrten Seite, das Boot liegt relativ ruhig und vertreibt langsam nach Lee. Die anlaufenden Wellen werden von den Verwirbelungen des nun querschiffs laufenden Kielwassers gebrochen, die Besatzung kann in einer angenehmen und stabilen Lage abwettern. Dagegen macht das Segeln gegen Starkwind mürbe. Es erfordert vom Steuermann höchste Konzentration, unter Deck ist es wegen des Wellenschlags und der Windgeräusche sehr laut, niemand kommt zur Ruhe. Im tiefen Wasser, wir sprechen hier von 1.000 bis 5.000 Metern, sind die Wellen ruhiger und länger. Deshalb sollte man abhängig von seiner Position nicht die Küste ansteuern, weil sich im Flachwasser einfach steilere Wellen aufbauen. Außer man kann eine sicher Leeküste vor dem Eintreffen der Fronten erreichen.

Engbert: Genau – nicht der Wind, sondern steilere Wellen und die sich daraus ergebenen Dynamiken sind meist das, was Mensch und Material an ihre Belastungsgrenze bringt.

Baumgärtel: Viele der auftretenden Probleme sind händelbar! So dürfen Segler beispielsweise auch keine Angst vor etwas Wasser im Schiff haben. Aus technischen Gründen war früher ein gewisses Maß an Wassereintritt sogar normal – heute ist eine staubtrockene Bilge eher die Regel. Aber solange es nicht zu schnell steigt, man mit seinen Lenzpumpen den Pegel mindestens halten kann, muss man nicht die Rettungsinsel besteigen. In diese geht man nur, wenn sie höher liegt als das Schiff. Denn dort ist man in der Regel besser aufgehoben als in einer Rettungsinsel. Unter englischen Seeleuten gibt es dazu eine wunderbare Faustformel:

„In eine Rettungsinsel steigt man stets aufwärts – nie abwärts!“

Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Sturmsegeln: Riesige Brecher rollen über die „Dagmar Aaen“.

In schwerem Wetter mit Starkwind und Orkanböen hat der Skipper eine noch höhere Verantwortung für Crew und Schiff. Worauf sollte er besonders achten?

Baumgärtel: Bei Sturm sollte der Bootsführer noch stärker seine Crew im Blick haben. Denn es ist eine gewisse mentale Stärke erforderlich, um solche Wetterlagen durchzuhalten.

Engbert: Der Skipper sollte erkennen, wenn die Stimmung kippt. Aus Respekt vor der Natur darf niemals Angst werden, weil Menschen dann nicht mehr konzentriert sind, sondern handlungsunfähig werden und Dinge passieren, die sonst nicht passiert wären.

Baumgärtel: Richtig! Deshalb muss gerade der Skipper erfahren sein, um jederzeit eine gewisse Ruhe ausstrahlen zu können. Er muss bei seinen Entscheidungen immer alle mitnehmen. Gerade unerfahrenen Besatzungsmitgliedern muss er genau erklären, warum er etwas macht oder eben nicht. Er muss ihnen die Angst nehmen, ihnen gegebenenfalls eine längere Pause einräumen oder gerade ihnen eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen. Er sollte seiner Crew vermitteln: Wir stehen das gemeinsam durch und irgendwann ist auch die schlimmste Situation vorbei.

Engbert: In einem Sturm zu segeln, ist körperlich und psychisch einfach sehr anstrengend. Es ist laut, es ist dunkel, es ist nass. Kommunizieren ist schwierig, Pausen sind fast unmöglich. Jeder normale Handgriff an Deck, das Setzen, das Reffen der Segel wird zum Kraftakt. Und ständig ist man damit beschäftigt, sein Gleichgewicht zu halten.

Umso wichtiger ist ein gutes Miteinander an Bord, alle müssen an einem Strang ziehen.

Bisher war es bei mir glücklicherweise immer genau so, egal ob als Crewmitglied oder als Schiffsführer. Weshalb ich mich an Bord auch in haarigen Situationen stets sehr sicher gefühlt habe. Und irgendwann legt sich jeder Sturm – und alles entspannt sich.

Grafik: nach Bjerknes, verändert von Thomas Engbert

Abbildung:

Schematische Darstellung einer Idealzyklone in gemäßigten Breiten nach Bjerknes (aus: „Das Buch der Vorleute“, S. 16, verändert) auf der Nordhalbkugel. Befindet sich ein Fahrzeug westlich des Tiefdruckgebietes, so kann die Besatzung anhand der Wolkenbilder, des Temperatur- und Luftdruckverlaufes abschätzen, wann und wie stark es von diesem Tief getroffen wird. Die Zuggeschwindigkeit eines Tiefdruckgebietes liegt bei 30 bis 40 Knoten (rund 56 bis 74 km/h). Anhand der Isobaren einer Wetterkarte kann dann die zu erwartende Windstärke ermittelt werden.

Distanz der Isobaren in Seemeilen Distanz der Isobaren in Kilometer zu erwartende Windstärke in Beaufort
100 185,2 7 bis 8
200 370,4 5
300 555,6 3

Die Tabelle gilt für deutsche Wetterkarten mit einem Isobaren-Abstand von vier Hektopascal (hPa) und Seegebiete um den 50. Breitengrad.

Thomas Baumgärtel (56) ist seit 2006 bei den Seenotrettern – zuerst als freiwilliger Rettungsmann, von 2008 bis 2020 als Festangestellter auf der Station Bremerhaven und heute als Trainer in der Seenotretter-Akademie, unter anderem auf dem Trainingsschiff CARLO SCHNEIDER. Davor ist er viele Jahre mit Segelyachten und -schiffen auf der Nordsee, im Mittelmeer und Atlantik sowie im Indischen Ozean unterwegs gewesen, auch Langfahrten gehörten dazu.

Foto: Per Kasch@SeverinWendeler

Thomas Engbert (48) ist seit 2009 bei den Seenotrettern. Er ist Freiwilliger auf der Station Gelting und kümmert sich als Festangestellter um die elektronische Lernplattform ELSAR, einen Teil der Seenotretter-Akademie. Er segelt vor allem auf Traditionsseglern und gehört seit 2010 zur Stammbesatzung der „Dagmar Aaen“: Mit dem umgebauten Haikutter fährt der Polarforscher Arved Fuchs regelmäßig auf Expeditionsreisen.

Die Seenotretter fahren raus – immer!

Wenn auf Nord- und Ostsee ein Sturm oder Orkan tobt, sind nicht mehr viele da draußen unterwegs. Allerdings gilt das nicht für die Seenotretter. Sie fahren immer raus, wenn jemand auf See in Not ist, rund um die Uhr und bei jedem Wetter.

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Buchtipps auch zum Thema Sturmsegeln:

  • „All Weather Yachtsman“ von Peter Haward
  • „Kap Horn – der logische Weg“ von Bernard Moitessier
  • „Auf unmöglichen Kurs“ von Vito Dumas
  • „Die magische Route: Als erster Deutscher allein und nonstop um die Erde“ von Wilfried Erdmann
  • „Hundeleben in Herrlichkeit: Unsere Weltumsegelung mit der ‚Karios‘“ von Ernst-Jürgen Koch
  • „Schwerwettersegeln“ von Adlard Coles und Peter Bruce
  • „Handbuch der praktischen Seemannschaft auf traditionellen Segelschiffen“ von Jens Kusk Jensen
  • „Seewetter“ vom Autorenteam des Seewetteramtes 

Mehr für Wassersportler

Weitere Informationen sind auf den Präventionsseiten der Seenotretter zu lesen. Dort geben sie unter anderem Tipps zu den Themen Sicherheitsausrüstung, Törnplanung und Verhalten im Seenotfall. Auch stellen sie die Sicherheits-App SafeTrx und Sicherheits-Uhr „SafeTrx Active Watch“ vor.

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