Im August 1990 reißt eine Monsterwelle den Seenotretter Dieter Steffens von Bord seines Kreuzers.

 

Mitten in einem schweren Sommersturm treibt er in der Nordsee.
Kann ihn jemand in der Dunkelheit finden?
Der Kampf ums Überleben beginnt.

Dieter Steffens
Dieter Steffens

Dieter Steffens spricht im Video über seine "Nacht des Wunders"

Als die Angst kommt, die Angst vor dem Tod, beginne ich zu beten. Ich bin kein gläubiger Mensch, doch ich bete, dass der Herr mich zu meiner Familie zurücklassen möge, zu meinen Kindern und meiner Frau. Die Panik, die Furcht macht mich beinahe wahnsinnig. Ich schreie, ich weine, ich brülle in die Dunkelheit hinaus, obwohl ich weiß, dass mich niemand hört. Ich weiß, dass die Chance, mich in der stürmischen See zu finden, bei Windstärke zwölf auf der Nordsee, sehr gering ist.

Ich muss es wissen, denn es ist mein Beruf. Ich bin Seenotretter.

Sieben Seemeilen sind es bis zum Festland, auch für einen geübten Schwimmer nicht zu schaffen, schon gar nicht in der meterhohen Dünung. Das Wasser hat 16 Grad, es ist Sommer, genauer: die Nacht des 20. August 1990. Ich trage eine Rettungsweste und einen Overall, der mir etwas Schutz vor dem Auskühlen bietet. „Nicht zu viel strampeln, Energie sparen“, sage ich zu mir selbst, das rede ich mir ein. „Bleib vernünftig, gib nicht auf.“ Ich wehre mich gegen diese Gedanken in meinem Kopf:

Sie können mich nicht finden. Sie werden mich nicht sehen. Niemand kann mich hören. Es ist vorbei.

Eine gefühlte Zeit gibt es nicht, keine Stunden, keine Minuten, keine Sekunden. Ich treibe, ich versuche, nicht zu viel Wasser zu schlucken, die Wellen werfen mich hin und her, es fühlt sich an wie in einer gewaltigen Waschtrommel. Der Sturm brüllt, selbst in wenigen Metern Entfernung würde man einander nicht hören, so laut ist es.

Dann plötzlich: Ein Scheinwerfer taucht hinter einem Wellenkamm auf. Es ist ein Hubschrauber! Meine Kollegen suchen nach mir, sie sind ganz nahe, vielleicht 200 Meter entfernt. Ich rudere mit den Armen, winke verzweifelt, gehe kurz unter, brülle, so laut es geht, schlucke Wasser, spucke.

Doch der Pilot sieht mich nicht.

Der Scheinwerfer richtet sich in die andere Richtung, weg von mir, fort von meinem Leben.

 

Seenotrettungskreuzer VORMANN STEFFENS

„Nicht durchdrehen“, sage ich mir, „jetzt nicht durchdrehen.“

Seenotrettungskreuzer im Sturm
Neuharlingersieler Hafen
Der Hafen von Neuharlingersiel

Begonnen hatte die Sturmfahrt als normaler Einsatz, als Routinefahrt. Ein Sommerunwetter zog auf, wir wurden von der SEENOTLEITUNG in Bremen nach dem Abendbrot an Bord informiert. Ein Sturm schreckt einen Seenotretter nicht, das kennt jeder, das gehört zum Beruf.

Seit fünf Generationen, seit es Seenotretter gibt, ist meine Familie in der „Gesellschaft“, wie sie alle an der Küste nennen. Gleich am Hafen von Neuharlingersiel, Ostfriesland, dem Fischerdorf, in dem meine Familie wohnt, steht ein alter Rettungsschuppen. Innen sieht es aus wie in einem Museum, Westen aus Kork sind ausgestellt, die den Anschein machen, als zögen sie dich, sobald sie nass sind, gleich hinab auf den Grund der See; kleine Bojen, Holzriemen, mit denen die Männer früher in offenen Booten in die Brandung hinausruderten. Ich bewundere ihren Mut, denn sie riskierten damals immer alles, wenn sie anderen helfen wollten.

 

Bevor ich zur Gesellschaft kam, habe ich auf einem Fischkutter gearbeitet und war Matrose auf Küstenfahrt. Ich wollte nie weit weg von zu Hause, nicht nach Rio oder Jakarta, die Große Fahrt hat mich nie gereizt. Wegen der Familie, wegen meiner Kinder und weil ich ein heimatverbundener Mensch bin. Ich schätze meine vertraute Umgebung, und ich mag es, meine Freunde um mich herum zu wissen.

1981 habe ich mich bei der Gesellschaft auf eine Stelle als fest angestellter Seenotretter beworben, und zum Vorstellungsgespräch lud man auch meine Frau Petra ein. Familientradition ist eine schöne Sache, aber wenn es um Posten geht, müssen alle denselben Weg nehmen. Vermutlich wollten sie gleich beim Vorstellungsgespräch wissen, ob es auch bei uns klarging, wenn ich zwei Wochen von zu Hause weg bin. Zwei Wochen Arbeit an Bord, zwei Wochen Pause, das ist der Arbeitsrhythmus. Nicht jede Ehe hält das aus, doch für uns war es nie ein Problem.

Dieter Steffens
Dieter Steffens im Hafen von Neuharlingersiel
Meereswelle

Wir lagen in Wilhelmshaven, als die Sturmwarnung eintraf, kurz darauf gefolgt von einer Einsatzmeldung: Segeljacht in Seenot! An die genaue Position, auf der wir die Segler fanden, kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass das Wetter schon schlecht war.

Beaufort zehn aus Nordwesten, zunehmend, der Schwell machte uns zu schaffen. Ein Mann und eine Frau waren auf der Jacht, die etwa neun Meter lang war, und sie waren froh, uns zu sehen. Wir warfen Leinen rüber an Bord, irgendwie bekamen wir es hin, dann nahmen wir Kurs auf die Mündung der Jade.

Ich war unten gewesen, mich um die Navigation kümmern, und gerade wieder auf dem Weg zurück zum Fahrstand, als ich diese Wand aus Wasser vor mir sehe. Wie hoch sie gewesen sein mag? Zehn Meter vielleicht. Oder doch 15? Eine Quersee, ein Kaventsmann, eine Monsterwelle, die den Kreuzer mit voller Wucht erwischt.

Mehrere Fenster sind zertrümmert, tonnenweise ist Nordseewasser in den Seenotkreuzer eingedrungen. Alles spielt sich in Sekunden ab: Das Licht geht aus, es wird dunkel, das Schiff wird seitlich ins Wasser gedrückt. Als sich die VORMANN STEFFENS wieder aufrichtet, bin ich nicht mehr an Bord. Die Welle hat mich fortgerissen.

Es ist exakt 23.36 Uhr, diese Uhrzeit vergesse ich nie.

 

Mit Suchscheinwerfern suchen der Seenotrettungskreuzer OTTO SCHÜLKE sowie ein Hubschrauber nach dem vermissten Seenotretter. Foto: Steven Keller

Der Hubschrauber taucht auf. Verschwindet wieder. Ich sehe den Lichtkegel, schreie meine Verzweiflung hinaus in die Nacht, schlucke Gischt und Salzwasser. Dann: ein Motorengeräusch. Ganz sicher bin ich nicht, meine Kräfte lassen nach. Später erfahre ich, dass es die Besatzung des Kreuzers OTTO SCHÜLKE von Norderney war, die mich ortete. Wie es gelang? Das können die Kameraden nicht so genau erklären, sie meinen, sie hätten etwas gehört, einen Ruf, einen Schrei, die Maschine ausgestellt, und dann haben sie mich tatsächlich gehört. Ich sehe einen Lichtkegel, ich höre das Geräusch eines Hubschraubers, spüre eine Rettungsschlaufe um meinen Oberkörper, dann werde ich nach oben geliftet.

Der 21. August ist seit 1990 mein zweiter Geburtstag, den ich jedes Jahr aufs Neue feiere.

Mir ist ein zweites Leben geschenkt worden in jener Nacht, und ich begreife meine Rettung als eine Art kleines Wunder.

Dies ist die gekürzte Version des Textes „Die Nacht des Wunders“ aus dem Buch „MAYDAY“ des Ankerherz-Verlages über die dramatischsten Einsätze der Seenotretter. Es ist als Hörbuch im Seenotretter-Shop erhältlich.

Mann schaut aufs Meer

Mehr als drei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen seit dem Tag, an dem Seenotretter Dieter Steffens um Haaresbreite dem Tod auf See entkommen ist.

Seitdem begleiten den heute 62-Jährigen die Erinnerungen an die dramatische Nacht im August 1990. Steffens kann am besten damit umgehen, indem er über die Ereignisse spricht.

2020 jährte sich der Tag Ihrer Rettung zum 30sten Mal. Wie haben Sie den besonderen Jahrestag verbracht?

Der Tag ist jedes Jahr ein Anlass für mich, um ein klein wenig zu feiern. Ich telefoniere dann oft mit den alten Kollegen, das habe ich auch dieses Mal wieder getan. Besonders mit Ole Mammen, dem ehemaligen Vormann der VORMANN STEFFENS, spreche ich häufig und eben auch am Jahrestag.

Das Allerbeste aber war, dass mir alle meine drei Kinder geschrieben haben: „Schön, dass Du immer noch da bist!“

Dieter Steffens
Dieter Steffens im alten Rettungsschuppen. Foto: Ankerherz-Verlag / Enver Hirsch

Wie präsent ist bei Ihnen das Geschehen von damals?

Ich denke oft noch daran und werde häufig darauf angesprochen. Das ist auch okay. Nur: Immer dann, wenn ich einen Hubschrauber höre, habe ich ein mulmiges Gefühl. Übrigens kann ich mich bis heute nicht daran erinnern, was geschehen ist zwischen dem Moment, in dem mich der Hubschrauber geborgen hat und dem Aufwachen später im Krankenhaus. Ich muss mir selbst die Schlinge der Winde umgelegt haben.

Das weiß ich nicht mehr – aber die Routine, die wir uns durch ständiges Üben angeeignet haben, hat sich da wohl bezahlt gemacht. 

Wie ist es Ihnen nach dem Unfall ergangen?

Ich war erst einmal vier Monate lang zu Hause, bis kurz vor Weihnachten. Dann bin ich für einen Törn wieder eingestiegen. Wir hatten einen Einsatz und ich war mit dem Tochterboot draußen. Da habe ich Magenschmerzen vor lauter Angst bekommen – und den Kollegen danach gesagt: „Jungs, das wird nichts.“ Das kannte ich vorher überhaupt nicht. Ich bin fast zehn Jahre als Seenotretter gefahren, auch bei Schlechtwetter. Ohne den Unfall würde ich sicher heute noch fest angestellt bei der Gesellschaft sein. Aber es ging einfach nicht mehr. Als Freiwilliger in Neuharlingersiel habe ich aber weitergemacht.

Spiekeroog 1
Dieter Steffens auf der Spiekeroog Fähre.

Gab es denn einen Moment, in dem Sie ganz mit der Seefahrt aufhören wollten?

Ich habe damals ganz kurz daran gedacht, aber es gab eigentlich gar keine Zeit, groß nachzudenken. Kaum dass ich bei der DGzRS aufhörte, ging mein Vater in Rente. Der fuhr auf den Spiekeroog-Fährschiffen, und ehe ich mich versah, hatte ich seinen Job. Seitdem bin ich Steuermann auf einer Fähre. Ich habe ja auch nie etwas anderes gemacht, bin in sechster Generation Seemann. Ich fahre im Urlaub gerne mal für zwei Wochen in die Berge – aber dann muss ich auch wieder zurück ans Meer.

Versuchen Sie, das Erlebte zu verdrängen, oder wie gehen Sie damit um?

Es gibt sicher viele, die alles still in sich hineinfressen. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich selbst habe gemerkt, dass es mir unwahrscheinlich hilft, wenn ich darüber spreche. Hin und wieder hatte ich dann mal einen Kloß im Hals, aber das Reden hat mir sehr geholfen, alles zu verarbeiten. Ich bin sehr froh darüber, dass ich es noch kann. Und was passiert ist, wird mich mein Leben lang begleiten.

 

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