Wie der Vater so der Sohn

Segeln, Seenotretter, Sammelschiffchen: Dieser Dreiklang führt direkt zur Lebensgeschichte von Ingo Rösike – und der seines Vaters. An dessen 100. Geburtstag überweist sein Sohn ihm zu Ehren eine zusätzliche Spende an die DGzRS.

Blick vom Vorderdeck einer Segelyacht über eine helle Deckfläche auf zwei Personen, die an Bord stehen; im Hintergrund ist eine Uferlandschaft mit dort liegenden Booten zu sehen.

Vater und Sohn an Bord der acht Meter langen Segelyacht auf dem Berliner Stößensee. Mit ihr war Helmut Rösike (r.) jahrzehntelang auf der Ostsee und Berliner Gewässern unterwegs – bei zwei längeren Törns gemeinsam mit seinem Sohn Ingo.

Foto: Privat

Helmut Rösike steht mit steinerner Miene vor einer Tafel im Marine‑Ehrenmal in Laboe. Stumm liest er die eingravierten Namen seiner Kameraden – alle sind im Zweiten Weltkrieg gestorben. In diesem Moment wird ihm schlagartig bewusst, welch großes Glück er selbst gehabt hat. Ihm kommen die Tränen. „Mein Vater hatte wegen einer Verletzung das U-Boot verlassen müssen. Auf der nächsten Fahrt wurde es versenkt. Vom Schicksal seiner Besatzung erfuhr er erst an diesem Tag“, berichtet sein Sohn Ingo Rösike. Zwar haben die beiden Berliner das am Fuße der Gedenkstätte ausgestellte Jagd-U-Boot schon oft besichtigt – es gehört zur selben Klasse, auf dem Helmut Rösike als Waffenmechaniker fuhr. Doch weiter als bis dorthin wollte der ehemalige Marinesoldat nie gehen. Bis zu diesem Tag. 

Dieses Erlebnis in Laboe ist nicht die einzige gemeinsame Episode im Leben der beiden, die mit starken Emotionen verbunden ist. Eine andere führt in die Mitte der 1970er-Jahre zurück: Vater und Sohn segeln zwei Sommer nacheinander wochenlang rund um die dänische Insel Seeland. „Es waren wundervolle Reisen. Ich bekam damals Seewasser ins Blut“, erinnert sich Ingo Rösike. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er von den bis heute nachhallenden Törns erzählt. Obwohl sein Vater zeit seines Lebens kreuzt, halst und aufschießt und er selbst einen Bootsführerschein macht, wird der mittlerweile 64-Jährige trotzdem kein Wassersportler. Doch die See weicht ihm nie aus seinem Herzen – genauso wie die Seenotretter. 

Als Kind freut sich Ingo Rösike auf das Jahrbuch „wie andere auf das neue Mickey-Maus-Heft“. Die Sammelschiffchen belädt der Steppke vor allem in Travemünde mit Geldstücken, aber auch in Berlin landet der eine oder andere Groschen in deren Frachträumen. Dieses Ritual übernimmt er von seinem Vater, der zudem Förderer der DGzRS ist. „Wir warfen immer und überall Münzen in die Schiffchen – in Deutschland, Dänemark, Schweden oder den Niederlanden, selbst im Urlaub in Spanien.“ Seit dem Tag am Ehrenmal versteht er, warum seinem Vater dieses besonders wichtig war. 

Tradition fortführen 

2008 stirbt Helmut Rösike in Lübeck. Dort in der Nähe hatte er inzwischen auf dem Land bei Eutin gewohnt. Sein Sohn muss zwar zunächst die regelmäßige Spende einstellen, aber Ingo Rösike behält eine gemeinsame Gepflogenheit bei: Er füllt weiterhin die Sammelschiffchen, inzwischen sind aus Münzen allerdings Scheine geworden. 2021 entschließt sich der Angestellte, einen Dauerauftrag einzurichten und genauso wie sein Vater die Seenotretter in festen Intervallen zu unterstützen. Für ihn ist es ein konsequenter, längst überfälliger Schritt. 

Ingo Rösike ist nach wie vor oft an der Küste. Zumal sein Vater in der von ihm so „geliebten Ostsee“ seine letzte Ruhestätte gefunden hat: „Immer, wenn ich am Meer bin, egal wo, besuche ich irgendwie auch ihn.“ Ihm zu Ehren überweist er an dessen 100. Geburtstag am 27. Oktober 2025 eine zusätzliche Spende an die Seenotretter. Eine stille, von Herzen kommende Geste, über die sein Vater sich „sehr gefreut hätte“, ist er sich sicher. So lebt die Tradition des Engagements für die Seenotretter auch in der nächsten Generation weiter – „und sie wird bleiben“, verspricht der Berliner.

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