Für immer ein Küstenkind

Lore Wist hatte zwei letzte Wünsche: eine Seebestattung und einen Spendenaufruf zugunsten der Seenotretter – beide haben sich erfüllt.

Das Leben eines Menschen lässt sich anhand persönlicher Wegpunkte beschreiben. Es kann aber auch in die großen Umbrüche eines Landes eingebettet werden. Wer wie Lore Wist 104 Jahre alt geworden ist, hat viele miterlebt: Ihr Leben spannt sich von der krisengeschüttelten Weimarer Republik über die menschenverachtende Nazi-Diktatur und den mörderischen Zweiten Weltkrieg bis zum Mauerbau mit seinem rigorosen DDR-Grenzregime und dem bejubelten Fall des Eisernen Vorhangs mit der deutschen Wiedervereinigung. So sehr sich die Welt um sie herum auch verändert, ein Bezugspunkt bleibt stets konstant: die See. 

Fast hätte Lore Wists Leben allerdings gar nicht erst begonnen: In der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, geht ihr Vater 1916 nordwestlich von Jütland über Bord. Beinahe ein Wunder ist, dass der Marineoffizier gerettet wird. Ein prägendes Erlebnis für die ganze Familie: „Von da an wussten alle, wie gefährlich die See sein kann und wie lebenswichtig Hilfe in solchen Momenten ist“, blickt Lores Sohn Harro Wist auf das Ereignis zurück. „Darin liegt die Kernkompetenz der Seenotretter.“ 

1921 wird Lore Wist in Cuxhaven geboren. Noch vor ihrer Einschulung zieht ihre Familie nach Wilhelmshaven. Am Marinestützpunkt verbringt sie einige ihrer schönsten Jahre, wie sie später ihrem Sohn erzählt. In die Stadt am Jadebusen kehrt sie in den nächsten Jahrzehnten immer wieder zurück. Dauerhafte Freundschaften entstehen, Erinnerungen wachsen. Der Ort wird zu ihrer Heimat. Als Kind muss sie jedoch schon bald wieder ihre Koffer packen: Kiel, Berlin und Königsberg sind die nächsten Stationen. Als Marineoffizier folgt ihr Vater gemeinsam mit seiner Familie dem Ruf seiner Vorgesetzten. 

Obwohl Lore Wist weiß, wie unstet ein Leben an der Seite eines Berufssoldaten ist, heiratet sie als junge Frau einen U-Boot-Kommandanten. Dem Paar sind lediglich wenige gemeinsame Jahre vergönnt: Ihr Mann stirbt in einem Gefecht im Zweiten Weltkrieg westlich von Irland. Der Verlust trifft sie genauso wie so viele andere Frauen und Angehörige. Als diese schwere Zeit endlich mit der Kapitulation Deutschlands endet, scheint die Welt für einen Moment durchzuatmen – auch Lore Wist. 

Porträtaufnahme einer älteren Dame mit hellgrauem Haar. Sie trägt eine weiße Bluse, eine helle Jacke und Perlenohrringe. Der Hintergrund ist neutral und unscharf.
In Schwarz-Weiß stand dieses Porträt von Lore Wist bei der kirchlichen Trauerfeier neben dem Sarg – das Foto hatte ihre Enkelin Laura 2021 aufgenommen. | Foto: Privat

Ein zweites Mal verliebt 

Bald treiben ideologische Gegensätze die Siegermächte auseinander, führen schließlich zur Teilung Deutschlands – zum Kalten Krieg. Für die Menschen beginnt zwar etwas Neues, doch gerade im Hungerwinter 1946/47 kämpfen viele zunächst ums Überleben, Hundertausende Deutsche sterben. Aber bereits wenige Jahre später trägt das Wirtschaftswunder neuen Wohlstand in die zerstörten Städte und Dörfer Westdeutschlands. 

Für Lore Wist beginnt ebenfalls ein neues Kapitel. Bereits 1947 verliebt sie sich neu, sagt ein zweites Mal „Ja“ – wiederum zu einem Marineoffizier. Die See bleibt ein immerwährender Einfluss auf die Familiengeschichte. Selbst ist sie zwar nur sporadisch auf dem Wasser, mal bei einem Segeltörn mit ihrem Mann, mal bei Kreuzfahrten. Dennoch fühlt sie sich zeitlebens mit dem Meer tief verbunden, ebenso mit den Seenotrettern. „Unsere Familie hat die DGzRS immer auf vielfältige Weise unterstützt“, weiß Harro Wist. 

Ihre letzten Lebensjahre verbringt Lore Wist im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen, nahe bei Kindern und Enkeln. Dort regelt sie alles, setzt ihren letzten Willen auf. Darin hält sie fest, was ihr wichtig ist: eine Seebestattung vor Wilhelmshaven, ihrer liebgewonnenen Heimat, und einen Spendenaufruf zugunsten der Seenotretter. Als sie im August 2025 im Alter von 104 Jahren stirbt, erfüllen ihre Kinder beide Wünsche. Bei der kirchlichen Trauerfeier sammeln sie mehr als 5.000 Euro für die DGzRS. „Wir waren ganz überwältigt von der großen Anteilnahme, die für uns Kinder ein Trost war. Zeigt sie doch, wie sehr unsere Mutter von den Menschen geschätzt wurde“, sagt Harro Wist. 

Einige Monate später findet Lore Wist auf See ihre letzte Ruhestätte vor Wilhelmshaven– bei Windstärke 6, so wie ihr Mann einige Jahre zuvor in der Flensburger Förde. Die See umschließt sie ein letztes Mal. Sie bleibt für immer ein Küstenkind.

„Von da an wussten alle, wie gefährlich die See sein kann und wie lebenswichtig Hilfe in solchen Momenten ist, darin liegt die Kernkompetenz der Seenotretter.“

Harro Wist

AKTUELLE DANKMELDUNGEN

Großer, gut gefüllter Saal mit vielen dicht besetzten Tischen. Zahlreiche Menschen unterschiedlichen Alters sitzen zusammen, sprechen miteinander und füllen Zettel aus. Die Stimmung wirkt konzentriert und lebhaft, viele Getränke stehen auf den Tischen. Der Raum ist hell beleuchtet und gut besucht.. Zur Seite: Spiel, Spannung und Hilfe für die Seenotretter

Großartige Unterstützung durch gemeinsamen Bingo-Abend der Rotaract- und Rotary-Clubs Brunsbüttel.

Ein Mann mit grauem Haar und Bart steht in einem gedämmten Raum neben einem Tisch. Er trägt eine rote Seenotretter-Jacke über einem weißen Poloshirt und blickt nach oben, als würde er etwas präsentieren oder erklären. Neben ihm sitzt ein anderer Mann mit verschränkten Armen und schaut zu ihm hoch. Auf dem Tisch stehen Getränke, eine brennende Kerze und eine Wasserflasche.  . Zur Seite: Zwei Seenotretter zu Gast bei U-Bootbesatzungen

Aufmerksame Gäste und viel Anerkennung bei Vortrag anlässlich Regionaltreffens.

Eine Gruppe von Menschen steht auf einem Kai vor einem Seenotrettungsboot mit orangefarbenem Aufbau. Einige Menschen tragen rote Einsatzkleidung. Zwei Personen halten einen kleinen weiß‑roten Wimpel mit der Aufschrift „Ich spende!“. Eine weitere Person präsentiert einen großen Spendenscheck über 500 Euro, ausgestellt von den Stadtwerken Stralsund. Im Hintergrund liegt das Seenotrettungsboot im Wasser. Es ist sonnig und klar.. Zur Seite: Ein besonderes Stück Kuchen, das hilft

Der traditionelle Stollenverkauf hat in Stralsund die letztjährige Adventszeit erneut mit einem guten Zweck eingeläutet. Der Erlös ging ein weiteres Mal an die Seenotretter.

Eine junge Seenotretterin steuert von einem Außenfahrstand ein Tochterboot. Sie blickt nach hinten und spricht dabei in einen Funkhörer.

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