Ralf Baur

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Zweites Leben dank der Seenotretter

35 Jahre haben Regina und Hansjörg Neun in der Entwicklungshilfe gearbeitet. In dieser Zeit haben sie viel gesehen und erlebt – aber eine so dramatische Situation wie Ende September 2021 mussten sie vorher noch nie durchstehen: Bei einer Regatta vor Travemünde bleibt Regina Neuns Herz einfach stehen. Sie überlebt, nicht zuletzt dank der freiwilligen Seenotretter aus Travemünde.

Unvermittelt fällt Regina Neun um, reglos liegt sie hinter dem Steuerstand. „Ich fühlte weder Puls, noch spürte ich ihren Atem“, erinnert sich ihr Mann. Hansjörg Neun und die Mitseglerin Dörte Sternel reagieren sofort: Sie wuchten den leblosen Körper auf die Sitzbank im Cockpit der Segelyacht „Cranich“, alarmieren über Funk die Seenotretter, beginnen mit der Herzdruckmassage.

Seenotrettungsboot ERICH KOSCHUBS bereit für den Einsatz

Kurz zuvor ist über die dreizehn Meter lange Segelyacht in Höhe des östlichen Endes des Brodtener Steilufers eine kleinräumige Gewitterfront mit Hagel, Starkregen und Böen der Stärke 8 (bis zu 74 km/h) gezogen. Als sie am Nachmittag mit anderen Yachten zur Mittwochsregatta des örtlichen Segelclubs auslief, herrschten mit 5 bis 6 Windstärken noch ideale Bedingungen. Die eingespielte Crew birgt sofort die Segel, startet den Motor, bricht die Wettfahrt ab und nimmt aufgrund der sich plötzlich stark veränderten Wetterlage umgehend Kurs auf den Heimathafen Travemünde. Dann passiert es: Regina Neun bricht leblos zusammen.

Hansjörg Neun bewahrt so viel Ruhe, wie man in einer solch erschreckenden Situation bewahren kann – er handelt augenblicklich, agiert mechanisch, wie ferngesteuert. Hierbei kommt dem heute 70-Jährigen sein großes seemännisches Wissen zugute. Der gebürtige Schwabe segelt seit seinem zehnten Lebensjahr, die ersten Handgriffe lernte er auf dem Bodensee, später war er auch auf dem offenen Meer unterwegs: Nord- und Ostsee, Mittelmeer, Atlantik, Karibik, Pazifik und Rotes Meer. Vor Travemünde läuft er nun mit der „Cranich“ unter Autopilot in Richtung Hafeneinfahrt, den Seenotrettern entgegen.

„Es ist ein schönes Gefühl, das Leben anderer zu retten“

„Es ist ein schönes Gefühl, das Leben anderer zu retten“
Axel Mussehl kennt die Seenotretter, seit er denken kann: Als Junge war er mit seinem Vater oft an Bord der Rettungseinheiten der Station Travemünde. Mittlerweile gehört der 27-jährige Polizist selbst zur Freiwilligen-Besatzung des Seenotrettungsbootes ERICH KOSCHUBS – und hat schon mehrfach Leben gerettet.

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Bange Stunden und Tage

„Nach unserem Notruf hat uns der Seenotretter von der Seenotküstenfunkstelle Bremen Rescue Radio super unterstützt, uns moralische Stärke gegeben“, betont Hansjörg Neun. Dörte Sternel und er „pumpen, pumpen, pumpen“ abwechselnd, um seine Frau zu reanimieren, angeleitet übers Smartphone von einem Notfallsanitäter in der Rettungsleitstelle See der DGzRS. „Allein hätte ich es nicht geschafft!“, sagt er. Sie halten die 20 Minuten durch, die es dauert, bis die alarmierten Seenotretter der Freiwilligen-Station Travemünde auf die Segelyacht übersteigen.

Sie lösen Hansjörg Neun und Dörte Steinel ab, helfen bei der Bootsführung. „Da waren wir schon ziemlich am Ende unserer Kräfte und sehr froh, dass die Seenotretter eintrafen“, erinnert sich Hansjörg Neun. In seinem Kopf purzeln parallel dazu die Gedanken durcheinander, einer wiederholt sich dabei ständig: „Regina darf nicht sterben!“ Den Seenotrettern gelingt es, mit einem Defibrillator ihr Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Puls und Atmung kommen zurück. Als Notärztin und Notfallsanitäter vom Rettungsdienst der Feuerwehr Lübeck sowie der als Rettungsassistent ausgebildete freiwillige Seenotretter Christian Grobecker vom Lotsenboot auf die Segelyacht übergestiegen sind, setzen diese die Wiederbelebung fort. Am Anleger der Priwall-Fähre macht die „Cranich“ schließlich unter Mithilfe der Seenotretter und Lotsen fest. Ein Rettungswagen bringt Regina Neun dann in die Universitätsklinik (UKSH) der Hansestadt Lübeck.

Obwohl ihr Herz wieder schlägt, muss Hansjörg Neun weiter um seine Frau bangen. Die Ärzte sagen: Die nächsten drei Stunden sind entscheidend. Gegen Mitternacht die erste erlösende Nachricht: Regina Neun ist stabil, sie liegt im künstlichen Koma. Erstes Aufatmen bei ihrem Mann und ihren ins Krankenhaus geeilten Söhnen Alexander (39) und Fabian (37). Doch die Sorgen hören nicht auf. „Ich habe mich immer wieder gefragt, wird sie aufwachen, Schäden zurückbehalten? Wird es ihr gut gehen?“, erinnert sich Hansjörg Neun an die quälend langen Stunden, die folgen. Als seine Frau schließlich zweieinhalb Tage nach ihrem plötzlichen Herzstillstand aufwacht, ist sie klar und überhaupt nicht verwirrt. Er resümiert: „Sie so zu sehen und zu erleben, war eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung!“

Seglerin Regina Neun ist am 29. September 2021 auf der Segelyacht „Cranich“

„Nach unserem Notruf hat uns der Seenotretter in der Seenotküstenfunkstelle Bremen Rescue Radio super unterstützt, uns moralische Stärke gegeben.“

Seitdem ist für Regina Neun der 1. Oktober ihr zweiter Geburtstag. Sie hat allerdings keinerlei Erinnerung mehr an den 29. September 2021, alles ist ausgelöscht. Sie weiß lediglich von ihrem Mann, was für ein großer Kampf es war, sie wieder ins Leben zurückzuholen. Wer sich mit Regina Neun unterhält, dem fällt schnell ihre Gelassenheit, ihre Wärme und ihr Interesse an anderen Menschen auf. „Mir ist durch das Erlebnis richtig bewusst geworden, dass wir alle nur eine begrenzte Zeit hier auf Erden haben. Daher genieße ich die kostbaren Tage, Monate und Jahre, die mir geschenkt worden sind, jetzt umso mehr“, sagt die 76-Jährige.

Wertvolles, wie die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann, ihren Söhnen und Enkeltöchtern, ist für die gebürtige Hessin noch wertvoller geworden. Zuvor Selbstverständliches sei nicht mehr länger selbstverständlich, findet ihr Mann. Ihr gemeinsamer Blick auf das Leben habe sich komplett verändert: Sie haben erfahren, wie schnell es vorbei sein kann.

Drei Fragen an Holger Schwalbe

Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der DGzRS

Es kann jederzeit und überall passieren: Jemand bricht zusammen und reagiert nicht mehr – Grund ist ein Kreislaufstillstand. Was kann ein Laie machen?

Sehr viel. Zunächst sollte man Betroffene ansprechen, die Atmung prüfen. Wenn der Mensch nicht mehr reagiert, sofort den Notruf wählen. An Land die 112 und auf See über den internationalen Not- und Anrufkanal 16 einen „Mayday“-Ruf aussenden – oder im deutschen Mobilfunknetz 124 124 wählen. Anschließend muss man umgehend mit der Herzdruckmassage beginnen, keinesfalls auf den Rettungsdienst warten. Bei Herzstillstand zählt jede Sekunde. Je früher die Reanimation beginnt, desto größer ist die Überlebenschance und desto geringer die Wahrscheinlichkeit neurologischer Schäden. Wichtig ist auch: Sich bei der Wiederbelebung, wenn möglich, regelmäßig ablösen, etwa alle zwei Minuten. So bleibt der Rhythmus im Idealfall gleichmäßig und die Reanimation qualitativ hoch. Auf keinen Fall sollte man die Wiederbelebung unterbrechen. Befindet sich in der Nähe ein automatischer, externer Defibrillator, kurz AED, sollte man ihn unbedingt benutzen, weil er nach einem Herz-KreislaufStillstand durch Kammerflimmern die Rückkehr eines sogenannten Spontankreislaufes stark erhöht. Kammerflimmern liegt beim Kreislaufstillstand von Erwachsenen in der frühen Phase in 80 Prozent der Fälle vor. Mit seinem elektrischen Impuls stellt der Defibrillator das Reizleitungssystem des Herzens wieder auf Anfang. Und wenn es optimal läuft, übernimmt es wieder das Kommando, so dass aus einem Herzkammerflimmern im günstigsten Fall ein regelmäßiger Herzschlag wird.

Können Laien denn etwas falsch machen?

Nein, diese Sorge ist völlig unbegründet. Jeder kann bei einem solchen Notfall helfen, selbst Kinder. Eines der wichtigsten Projekte des Deutschen Rates für Wiederbelebung ist beispielsweise „Kids Save Lives“, das sind Reanimationstrainings in Schulen spätestens ab Klasse 7. Noch einmal: Unabhängig von körperlichen Leistungsmerkmalen kann jeder Wiederbelebungsmaßnahmen ergreifen. Viel wichtiger ist der Impuls, helfen zu wollen. Und wenn man sich nicht sicher ist, ob der zusammengebrochene Mensch wirklich einen Herzstillstand hat, einfach mit der Herzdruckmassage beginnen. Wenn er sich dann wehrt, weiß man: Er lebt. Mein Appell an alle: Jeder sollte regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen, um die Basismaßnahmen zu erlernen und das Gelernte zu festigen. Denn meistens ereignet sich eine solche Situation im privaten Umfeld.

Wie sind die Seenotretter auf einen solchen Notfall vorbereitet?

Im Gegensatz zum Landrettungsdienst gehört die Reanimation für uns nicht zum Tagesgeschäft. Wir haben etwa 100 medizinische Primäreinsätze im Jahr. Dennoch kann es jederzeit passieren, wie die Fälle vor Travemünde zeigen. Deshalb schulen wir unsere Besatzungen einmal jährlich für die Herz-Lungen-Wiederbelebung mit Einsatz eines AED. In dem Lehrgang entwickeln unsere Rettungsleute entsprechende Handlungsroutinen. Bei den Einsätzen vor Travemünde haben die Prozesse dank des regelmäßigen, verlässlichen Trainings hervorragend geklappt und die Reanimationen waren erfolgreich. Solche Fälle motivieren und zeigen, wie wichtig die immer wiederkehrenden Übungen sind. Zusätzlich gibt es auf allen Rettungseinheiten eine schriftliche Handlungsanweisung für die Herz-Lungen-Wiederbelebung, auf die unsere Besatzungen im Notfall zurückgreifen können. Genauso wie an Land spielt auch auf See die Zeit eine entscheidende Rolle. Deshalb gehen unsere Seenotrettungskreuzer und -boote sofort raus, sofern das Nachführen weiterer Rettungskräfte wie Notarzt und Rettungssanitäter sichergestellt ist. Während wir unterwegs sind, leitet der Notfallsanitäter am medizinischen Arbeitsplatz in der Rettungsleitstelle See der DGzRS die Crews auf Schiffen bei der Wiederbelebung von zusammengebrochenen Menschen an. Denn die ersten Minuten sind entscheidend, sie sind später nicht mehr aufzuholen. Mit den Basismaßnahmen wie Drücken und Beatmen sollte möglichst sofort begonnen werden. Und ein AED, der auf allen unseren Rettungseinheiten vorhanden ist, sollte möglichst früh eingesetzt werden. Beides bildet die Basis für eine erfolgreiche Reanimation. Dies belegen die Fälle vor Travemünde sehr eindringlich.

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