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03.10.2020

Vor 30 Jahren: Seenotretter aus Ost und West wiedervereint

1990 übernahm die DGzRS wieder die Arbeit auf den Stationen in Mecklenburg-Vorpommern. Größter Gewinn: die motivierten Seenotretter mit ihrer Erfahrung und Revierkenntnis. Drei von ihnen erzählen, wie sie den staatlich organisierten Seenotrettungsdienst der DDR und die Wiedervereinigung erlebt haben.

Adolf Palliwoda lebt heute wie damals in Prerow. Gerne denkt er an seine aktive Zeit zurück.

Als Adolf Palliwoda Seenotretter wird, bedeutet das auf der Station Prerow noch Muskelkraft einzusetzen: Die Besatzung muss ohne technische Hilfe ein Ruderrettungsboot steuern – im Jahr 1956. „Das hatte keinen Namen“, sagt Palliwoda über das Boot, das ihm und seinen Kollegen alles abverlangte. „Es war unvorstellbar anstrengend. Wir trugen sperrige Korkwesten, damit konnte man sich nur schwer bewegen. Obwohl wir Ölzeug trugen, waren wir jedes Mal nass.“

Auch die Alarmierung funktioniert aus heutiger Sicht ziemlich antiquiert, wie Palliwoda erzählt: „Wenn der Vormann per Telefon einen Notruf erhielt, hat er Kanonenschläge gezündet. Dann wusste der ganze Ort: Da ist ein Seenotfall!“ Auf See war es gefährlich – doch Angst spielte keine Rolle. Palliwoda: „Man darf bei sowas nicht darüber nachdenken, ob es gut geht. Wenn man das tut, darf man erst gar nicht rausfahren.“ Fast zehn Jahre noch müssen Palliwoda und die Prerower Seenotretter rudern.

Bis das Seefahrtsamt der DDR 1967 das Motorrettungsboot DARSSER ORT von Barhöft an den Ort verlegt, dessen Namen es trägt. Im gleichen Jahr stößt Peter Meyer zur Besatzung. „Ich war vorher Hochseefischer. Der damalige Vormann Hellmuth Kleist hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, als Seenotretter zu arbeiten.“ Im Gegensatz zu Adolf Palliwoda, der wie die meisten Freiwilliger ist, erhält Meyer eine Festanstellung als Maschinist.

Viele Einsätze warten jedoch nicht auf beide. Der Berufsschifffahrt weiter draußen hilft oft die Marine, parallel gibt es nur wenige Bürger, die eine Erlaubnis erhalten, auf der Ostsee zu segeln. Fluchtversuche in den Westen haben weder Meyer noch Palliwoda im Dienst erlebt. „Wer damals über See abhauen wollte, war wirklich lebensmüde“, findet Adolf Palliwoda. „Die Leute hatten ja meist keine Ahnung von der Seefahrt, da hätte es sehr schnell brenzlig werden können.“

Anfang der 1990er Jahre: Peter Meyer (l., großes Foto) fährt als Maschinist auf der G. KUCHENBECKER. Neben ihm der damalige Vormann Hellmuth Kleist, der ihn zu Seenotrettungsdienst der DDR holte.

„Was für ein schönes Schiff!“

Die Mannschaft aus Prerow hat einen gewissen Sonderstatus: Ihr Seenotrettungsboot DARSSER ORT liegt im gleichnamigen Marinehafen, ständig umgeben von Soldaten. Die Wachposten kennen die Besatzung, die per Einsatzwagen zum Hafen kommt. Kontrollen, wie sie etwa bei den Warnemünder Seenotrettern an der Tagesordnung sind, finden auf dem Darß nicht statt. Dennoch spürt Peter Meyer die Willkür des Staates. 1980 erhält die Station ein neues Boot, der bisherige Maschinist geht davon aus, dass er auch auf der neuen Einheit diese Aufgabe übernehmen wird. Doch es kommt anders: „Wenige Tage bevor es losgehen sollte, bekam ich einen Anruf vom Seefahrtsamt.“ Es ist seine Kündigung. Seine Verwandtschaft im Westen, die ihn regelmäßig besucht und mit der er oft telefoniert, wird Meyer zum Verhängnis. „Freiwillig durfte ich noch mitfahren, aber halt nicht mit Gehalt vom Staat.“

Im Oktober 1990 übernimmt die DGzRS auch die Station Prerow und den Liegeplatz im Nothafen Darßer Ort wieder. „Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Peter Meyer rückblickend. Er bewirbt sich auf einen Posten als Maschinist und erhält den Zuschlag. Kurz zuvor kommt es zu einer Begegnung, die er bis heute nicht vergessen hat: „Wir waren auf See bei einer Übung mit der DARSSER ORT, als plötzlich ein westdeutscher Seenotrettungskreuzer auftauchte. Wir sagten: ‚Mensch, was für ein schönes Schiff!‘. Es sah einfach toll aus!“ Dieses Schiff ist die G. KUCHENBECKER, zunächst bestimmt für die Station Sassnitz, doch schon bald wird sie am Darßer Ort stationiert.

Flut in der Ostsee

Auch Adolf Palliwoda freut sich damals, sieht die Sache aber nüchtern: „Für mich ist es ein Gebrauchsgegenstand, da bin ich nicht so emotional. Die Umstellung fiel uns leicht, die Grundbegriffe sind ja gleich. Aber die G. KUCHENBECKER war natürlich viel moderner und besser ausgerüstet. Und es gab dann auch ein Tochterboot.“ Das wird dringend gebraucht, denn die Einsatzzahlen steigen sprunghaft an. Wassersportler und Segler erkunden in großen Mengen die Reviere – und das oft ohne genaue Kenntnisse. Ein sinnbildlicher Fall ist Peter Meyer gut im Gedächtnis geblieben: „Wir hatten eine Segelyacht beobachtet, die nördlich vom Darßer Ort mit vier Menschen und Hund auf einer Sandbank lag. Die Leute wirkten aber sehr entspannt und baten auch nicht um Hilfe. Nach einiger Zeit sind wir trotzdem hin, um uns anzubieten.“ Der Skipper lehnt dankend ab und sagt, er wolle bis zur nächsten Flut warten. „Da habe ich ihn gefragt, ob er genug Vorräte an Bord hat. Denn vor dem Herbst kommt sicher kein Hochwasser in der Ostsee“, erzählt Meyer und lacht. 

1997 wird die G. KUCHENBECKER von der VORMANN JANTZEN abgelöst. Das markiert einen deutlichen Einschnitt für die Besatzung – denn der noch junge Kreuzer bekommt eine Mannschaft komplett aus Festangestellten. Bis 2005 bleibt Meyer auf der VORMANN JANTZEN im Dienst. Für viele Freiwillige geht es ebenfalls weiter – als ergänzende Besatzung der VORMANN JANTZEN sowie auf dem Bodden: Mit der Stationierung des Seenotrettungsbootes HÖRNUM (9-Meter-Klasse) im Hafen von Wieck nimmt die Station Prerow/Wieck im Jahr 2000 ihren Dienst auf. 

Adolf Palliwoda ist kurz zuvor bereits ausgestiegen – aus Altersgründen. Keine leichte Sache, denn Seenotretter zu sein, hat ihn sein Leben lang erfüllt: „Ich habe viele Leute kennengelernt und es war einfach schön, wenn man helfen konnte.

Ich habe das gerne gemacht!“ 

Jürgen Hackenschmid ist mit Leib und Seele Seenotretter – bis heute unterstützt er die Mannschaft der Station Zinnowitz.

Etwas mehr als hundert Kilometer weiter östlich vom Darß ist Jürgen Hackenschmid aufgewachsen. Dort in Zinnowitz lebt er heut noch. „Ich bin nach der Schule erst bei der Marine gewesen, war danach noch einige Jahre auf Handelsschiffen unterwegs“, erinnert sich Jürgen Hackenschmid. „Als 1967 damit Schluss war, fehlte mir die Seefahrt.“ Ein Bekannter nimmt ihn mit zur Zinnowitzer Mannschaft des Seenotrettungsdienstes der DDR. Dort fühlt er sich schnell wohl. Er freut sich, neben seinem eigentlichen Beruf als Elektromeister ehrenamtlich aktiv zu sein. 

Im selben Jahr, in dem Hackenschmid einsteigt, geht das letzte Ruderrettungsboot der Station außer Dienst. Das staatliche Seefahrtsamt stationiert ab 1970 einen sogenannten bereiften Allradwagen in Zinnowitz. „Das war ein Schwimmpanzer, den eigentlich die Armee nutzte“, erläutert Hackenschmid. „Das war vielleicht ein Ungetüm! Und leider völlig ungeeignet für den Einsatz auf der Ostsee.“

Das schwere Amphibienfahrzeug schafft allenfalls vier Knoten (rund 7,5 km/h) und kommt in bewegter See überhaupt nicht zurecht. „Immerhin machte er auf der Straße so 60 km/h. Wir sind deshalb zunächst auf dem Landweg möglichst nahe an den Einsatzort herangefahren und haben einen Punkt gesucht, um mit dem Wagen ins Wasser einzusetzen.“ Die meisten Übungstreffen werden daher darauf verwendet, solche geeigneten Stellen im Revier ausfindig zu machen – wenn denn überhaupt geübt wird. Hackenschmid: „Das vorherrschende Motto war: ‚Nicht viel üben! Es könnte ja etwas kaputt gehen.‘“ Ersatzteile waren schwer zu bekommen.

Auch die Station Zinnowitz verfügt über einen Schwimmpanzerwagen

„Endlich geht es richtig los“

So sehr ihm die Aufgabe als freiwilliger Seenotretter auch gefällt – sein Können und das der Kollegen wird vom Staat nie ernsthaft gefragt: „Der Seenotrettungsdienst der DDR war mehr oder weniger ein Alibi – Hauptsache, man hat ihn zum Vorzeigen.“ Auf See ist nicht selten die Volksmarine schneller. Einmal pro Jahr wird Jürgen Hackenschmid und den Kollegen zudem bewusst, dass im Verborgenen jemand genau hinschaut, ob die Besatzung denn auch weiter linientreu ist: „Dann kam der Hafenmeister zu uns und sagte: ‚Jungs, ihr dürft alle weitermachen!‘ Die Stasi wusste also Bescheid über uns – woher allerdings, das weiß ich nicht.“

Kurz vor der Wende verbessert sich die Lage jedoch. Einige Stationen erhalten 1990 moderne Festrumpfschlauchboote – Zinnowitz bekommt die RESCUE 4. Zum ersten Mal hat Jürgen Hackenschmid das Gefühl, ein gutes Einsatzmittel zu haben: „Damit konnte man endlich etwas anfangen. 240 PS und 36 Knoten schnell – das war nicht schlecht.“  Am 3. Oktober 1990 erfolgt auch am Stationsgebäude in Zinnowitz der offizielle Flaggenwechsel – nun gehört die Station wieder zur DGzRS. Technisch ändert sich noch nicht viel. Es gibt neue Funkgeräte für die Besatzung. „Dennoch war der Übergang ein Wow-Effekt“, beschreibt Jürgen Hackenschmid die Gefühlslage. „Vorher war alles mehr oder weniger Pillepalle. Aber jetzt ging es endlich richtig los.“

Perfekt fürs Revier

Quasi über Nacht strömen die Freizeitskipper nach Usedom. „Wir dachten, dass nun bestimmt viel auf der Ostsee los ist. Doch hatten die meisten wohl Schiss. Stattdessen tummelten sich alle im Achterwasser.“ Dort häufen sich die Einsätze – drei bis vier am Tag sind keine Seltenheit. An manchen Stellen laufen regelmäßig Segelboote auf Grund. „Einmal wollte jemand mit einem Autoatlas navigieren“, erinnert sich Hackenschmid.

1993 erhalten die Zinnowitzer Seenotretter das neue Seenotrettungsboot HECHT. Jürgen Hackenschmids Augen leuchten nach wie vor, wenn er von seinen ersten Begegnungen mit dem 7-Meter-Boot spricht: „Vor der HECHT ziehe ich meinen Hut. Das war eine Eigenentwicklung. Und diejenigen, die das konstruiert haben, haben einen überragenden Job gemacht.“ Mit gerade einmal einem halben Meter Tiefgang ist die HECHT bestens für die flachen Gewässer im Revier geeignet. Sie hat kein klassisches Ruder, sondern einen Jetantrieb. „Mit dem Wasserstrahl kann man sich ‚auf dem Teller‘ drehen“, sagt Hackenschmid begeistert.

Per Trailer – zunächst gezogen von einem Unimog, heute von einem Traktor – kommt die HECHT entweder im Achterwasser oder auf der offenen Ostsee zum Einsatz. Ein System, dass sich in den vergangenen 27 Jahren bewährt hat. Die HECHT kommt zwar rein statistisch in die Jahre, ist aber nach wie vor tadellos in Schuss. Für Jürgen Hackenschmid, der mit einem lahmenden Schwimmwagen als Seenotretter begonnen hat, symbolisiert sie seine ganz persönliche Wende: „Spätestens damit haben wir uns endlich wie richtige Seenotretter gefühlt.“

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