Nach einem Familienurlaub auf Wangerooge hat Wilhelm Andreas seine Tochter und seinen damals etwa siebenjährigen Enkel Jens auf einem Ölgemälde am Strand der Nordseeinsel verewigt.
Foto: Privat
Die Demenz frisst langsam, aber unaufhaltsam Peter Andreas’ Gedächtnis auf. Der 87-Jährige verliert sich Stück für Stück selbst. An den meisten Tagen weiß er nicht einmal mehr, welches Jahr gerade ist. Doch manches ist dagegen noch erstaunlich präsent, wie sein seemännisches Wissen, gewachsen in vielen Jahren auf dem Wasser. Es sitzt tief, ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Damit verbindet der Ingenieur starke Gefühle, die nicht so einfach auszulöschen sind – genauso wenig wie seine Gedanken an die DGzRS.
„Hast du dieses Jahr schon den Seenotrettern eine Tankfüllung Diesel spendiert, damit sie raus können?", ermahnt er trotz schwerer Krankheit schon mal seinen Sohn. Für Jens Andreas sind dies sehr emotionale Momente: „Die DGzRS gehört zu den wenigen Themen, die ihn wirklich noch tief bewegen. Das ist für mich sehr schön zu sehen.“ Auch als der 53-Jährige seinem Vater den Santiano-Song „Retter in der Not“ vorspielt, ist dieser davon ganz ergriffen. Zwischen beiden entspinnt sich ein intensives Gespräch über das Meer und die Arbeit der Seenotretter. An dessen Inhalt erinnert sich Peter Andreas noch Tage später.
Genauso wie sein Vater vor ihm ist auch Jens Andreas inzwischen seit einigen Jahren regelmäßiger Förderer der DGzRS. Zuvor hat er ihre Sammelschiffchen immer wieder mit Geld beladen – so, wie er es von klein auf vorgelebt bekam. Der Ursprung des Engagements liegt allerdings noch weiter zurück: Bereits sein Großvater Wilhelm Andreas hatte ein großes Herz für die Seenotretter.
Der gelernte Schiffszimmerer lebt in der heute zu Polen gehörenden Hafenstadt Szczecin (Stettin), bis der vom Nazi-Regime entfesselte Zweite Weltkrieg sein Leben durcheinanderwirbelt. Als er 1948 aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen wird, strandet der ehemalige Soldat erst in Berlin, später in Bayern. Schließlich findet Wilhelm Andreas in Düsseldorf ein neues Zuhause. Auch am Rhein bleibt der Junge vom Stettiner Haff mit dem Wasser verbunden. Eine Zeit lang fährt er als Seemann auf Stückgutfrachtern, um mit diesem Knochenjob seine Familie zu ernähren.
Mit Eigenbau erstmals auf See
Von seinem Großvater hört Jens Andreas viele Geschichten vom Meer, von Piraten und fliegenden Holländern, von Sagen und Legenden – allerlei Spökenkiekereien in Vorpommerschem Platt. Darunter mischen sich Berichte aus den Jahrbüchern der Seenotretter: „Sie waren Teil meiner Kindheit und unserer vielen Familienurlaube auf Wangerooge“, blickt der 53-Jährige zurück. Schon als Kind darf er auf dem selbstgebauten Folkeboot „Greif“ mitfahren. Dabei spürt er erstmals die Freiheit der See, von der ihm so oft erzählt worden ist. Die Sehnsucht danach treibt ihn später selbst mit Segelbooten aufs Meer hinaus.
Das kleine, aber seetüchtige Folkeboot hatten Großvater und Vater Ende der 1960er-Jahre Planke für Planke, Spant für Spant angefertigt. „Es war kein Bausatz“, erzählt Jens Andreas. „Sie haben den Holzhandel leergekauft, eine Scheune eines befreundeten Bauern gemietet und auf dem Feld daneben jede Menge Blei geschmolzen, um den Kiel zu gießen.“ Es sei ein schiffbauliches Meisterwerk: „Mein Opa war ein handwerkliches Ausnahmetalent. Ich habe größten Respekt vor all seinen Arbeiten.“ Viele Jahre ist der „Greif“ das Familienboot, bis sein Vater es schließlich in den 1980er-Jahren verkauft. Kind, eigenes Haus und Beruf haben die Zeit zum Segeln immer mehr zusammenschrumpfen lassen.
Seinen Vater und seinen Großvater beschreibt Jens Andreas als „umsichtige Seeleute mit stets wachem Blick aufs Wetter“. Sicherheit habe für sie immer Priorität gehabt, Abenteurer seien sie nicht gewesen. Er lernt viel von ihnen, segelt selbst einige Jahre regelmäßig auf dem IJsselmeer oder im Mittelmeer. Und noch etwas schaut sich der heute 53-Jährige von ihnen ab: „Obwohl sie nie in Seenot geraten sind, sind sie an keinem Sammelschiffchen vorbeigegangen, ohne etwas hineinzuwerfen“, sagt er. Diese Familientradition will der Ingenieur an seinen neunjährigen Sohn ebenso weitergeben wie die Freude am Segeln.
Im Sommer geht es erstmals vor Fuerteventura auf gemeinsame Törns. „Dort kann ich ihm die ersten Handgriffe gefahrlos beibringen“, sagt Jens Andreas. Er freut sich schon sehr darauf. Vielleicht entstehen dabei Erlebnisse, an die sich der Neunjährige noch erinnern kann, wenn er selbst eines Tages Vater oder gar Großvater ist.
Marke Eigenbau: Das 1971 von Jens Andreas’ Großmutter auf den Namen „Greif“ getaufte Folkeboot haben sein Vater und Großvater selbst gebaut. Der Name erinnert an das Stadtwappen Stettins, Heimat seines Opas. | Fotos: Privat
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