Insel-Leben: Langeoog und die Seenotretter | DGzRS Die Seenotretter
04.08.2017

Insel-Leben: Langeoog und die Seenotretter

Am 12. August tauft die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) das neue Seenotrettungsboot für die Insel Langeoog. Die Taufe findet auf der Bauwerft Fassmer in Berne-Motzen statt. Für viele Menschen – auch wenn sie gar nicht auf der Insel Langeoog leben – hat das eine große Bedeutung. Denn sie unterstützen die Seenotretter auf See oder an Land. Familie Leiß aus Langeoog und Familie Buck aus Westfalen verbindet nicht nur die Ostfriesische Insel, sondern auch ihr Engagement für die DGzRS.

Familie Buck, begeistert von den Seenotrettern: hinten (von links nach rechts) Andreas, Wilfried, Carolin, Sylvia, mittig Marlene, Gerald, Ole, vorne Juliane, Leonard, Lasse (4), möchte Seenotretter werden

Gerald Buck muss niemand die Seenotretter erklären. Der 36-Jährige fährt seit sechs Jahren einmal jährlich auf die Insel Langeoog zum Familienurlaub: Mit Ehefrau, zwei Kindern, Schwägerin samt Ehemann und ihren zwei Kindern sowie den Großeltern. Mit zehn Personen reisen die Bucks auf die autofreie Insel – eine lieb gewonnene Tradition. Buck ist Richter am Oberverwaltungsgericht Münster und ein viel beschäftigter Mann. Seine Kollegen und er müssen zum Beispiel regelmäßig Eilentscheidungen über politische Demonstrationen treffen – eine große Verantwortung – und ein herausfordernder Job. Umso wichtiger ist die Erholung an der Nordsee.

Langeoog ist eine wunderbare Abwechslung zu meinem Beruf“, sagt Buck. „Die Insel ist autofrei, total ruhig. Das ist einfach Entspannung pur.“ Beim Familienspaziergang durchs Dorf wird dann auch immer das außer Dienst gestellte Motorrettungsboot LANGEOOG  vor dem Haus der Insel besucht, und natürlich im Hafen das im August neu zu taufende Boot. „Wenn wir das nicht tun, war der Urlaub für die Kinder ein Reinfall“, sagt Buck und lacht. Die DGzRS gehört für die Bucks zu Langeoog – und Gerald Buck gehört zur DGzRS. Denn der Jurist aus Münster ist seit 2007 ehrenamtlicher Mitarbeiter an Land. „Ich habe schon einige Infostände auf Hafenfesten und bei Shantychor-Festivals organisiert“, sagt Buck. In Südwestfalen, fernab der Küste, die Seenotretter zu vertreten – das macht dem Familienvater großen Spaß: „Man trifft auf viele Leute, die der Sache der Seenotretter sehr positiv gegenüberstehen.“

Gerriet Leiß ist in fünfter Generation Vormann der Seenotretter auf Langeoog.
Johann Adam Leiß

217.000 Gäste kamen 2016 nach Langeoog und verbrachten durchschnittlich sieben Tage auf der Insel. Und auch zur Seenotrettungsstation am Hafen kommen viele Touristen. „Sie schauen sich unser Seenotrettungsboot an, finden das klasse und fragen viel nach“, freut sich Gerriet Leiß, Vormann der Seenotretter auf Langeoog. „Nicht alle Besucher aus dem Binnenland wissen, dass es uns gibt“, berichtet er.

Die Geschichte seiner Familie ist eng verknüpft mit der Historie der Seenotretter. Bereits 1861, vier Jahre vor Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die heute an Nord- und Ostsee insgesamt 54 Rettungsstationen mit rund 60 Seenotrettungskreuzern und -booten unterhält, wurde auf Langeoog eine Rettungsstation erreichtet. Die Station war mit einem Ruderrettungsboot ausgestattet und hatte bereits damals einen Vormann mit dem Namen Leiß. Gerriet ist in direkter Linie mit Johann Adam Leiß verwandt. Auch die Bezeichnung „Vormann“ stammt von damals, denn der einzige, der beim Rudern nach vorn schaute, war der Steuermann.

Gerriet Leiß will aus der beeindruckenden Familientradition keine große Sache machen, das ist nicht seine Art. Aber der 50-Jährige ist bereits der fünfte Leiß, der als Vormann den Seenotrettern auf Langeoog vorsteht. „In unserer Familie waren fast alle immer mit der See verbunden“, sagt Leiß. „Seefahrer, Kapitäne, Eigner von Segelschiffen. Das war ja auch damals tatsächlich zum Broterwerb nötig – der Tourismus spielte bis Mitte des 20. Jahrhundert praktisch keine Rolle.“ Dafür war Lebensrettung umso wichtiger – und Familie Leiß immer dabei. 1985 wurde den maritim engagierten Langeoogern eine besondere Ehre zuteil: Die DGzRS benannte erstmals noch zu Lebzeiten eines Vormanns einen Kreuzer nach dessen Familie, zum Dank für ihren außergewöhnlichen Einsatz. Die VORMANN LEISS war bis zum 10. Mai 2015 auf Amrum stationiert und wurde dann außer Dienst gestellt.

Für Gerald Buck steckt hinter den Seenotrettern auch eine Idee von Gesellschaft und Zusammenleben. „Füreinander da sein – das kann man als Rettungsmann auf See, aber eben auch, indem man Spenden sammelt“, sagt Buck. „Sich für andere einsetzen, das hat mich bei den Seenotrettern immer fasziniert.“ Und weil er eben besonders gut Vorträge halten kann, bringt er sich auf diese Weise ein – so häufig, wie sein Alltag es erlaubt. Als Jurist, der sich täglich mit Recht und Freiheit auseinandersetzt, sieht der 36-Jährige eine weitere Verbindung zu den Seenotrettern: „Der Begriff der Freiheit passt einfach. Frei von staatlichem Einfluss und ohne Steuergelder zu arbeiten macht flexibler.“ Die Finanzierung allein durch Spenden erfordert großes Engagement – sie habe laut Buck aber auch zur Folge, dass nun unter anderem auch auf Langeoog ein nagelneues Boot Einsätze fährt.

Heute sind Einsätze für große Schiffe im Wattenmeer eher selten – sie werden von den großen Seenotrettungskreuzern auf Norderney, Helgoland oder von Hooksiel gefahren – vielfältig sind die Einsätze dennoch. „Wir helfen Menschen, ganz gleich ob sie mit Fähre, Fischkutter, Motor- oder Segelboot unterwegs sind“, sagt Leiß. „Sie haben schließlich etwas gemeinsam: Sie benötigen Hilfe. Manche haben einen Propeller verloren, bei anderen ist der Mast gebrochen oder sie sind auf eine Sandbank aufgelaufen.“ Die Altersspanne im Team aus Freiwilligen reicht von 20 bis Ende 50, alle sind Insulaner mit erstem Wohnsitz, sagt Leiß: „Man kann ja nichts mit einem Freiwilligen anfangen, der abends mit dem letzten Schiff aufs Festland fährt.“ Die meisten Seenotretter sind selbst erfahrene Sportbootinhaber. Und warum retten sie in ihrer Freizeit? Sind sie besonders selbstlos angesichts der bis heute vorhandenen Gefahren? „Wer auf unserem Sandhaufen mit dem Meer lebt, macht sich darüber keine Gedanken. Man hat diese Aufgabe gewählt, und dann macht man, was zu tun ist.“ sagt Leiß.

Herbert Grohmann, bis 2015 Leiter des Schifffahrtsmuseums auf Langeoog, kann die Bedeutung der Retter auf der Insel gut einschätzen. „Die Retter sind ein sehr wichtiges und regelmäßiges Thema“, sagt Grohmann, der inzwischen als freier Mitarbeiter für die „Langeoog News“ arbeitet. Grohmann kommt aus Süddeutschland und ist einst selbst zugezogen – und er ist inzwischen ehrenamtlich für die Seenotretter tätig. „Die DGzRS ist im Alltag ganz wichtig“, sagt er. „Neben den Rettungseinsätzen sorgt sie sogar für viele Krankentransporte, wenn kein Hubschrauber fliegen kann. Das bemerken viele Urlauber gar nicht, weil es oft nachts passiert. Die Retter haben eine eminent wichtige Funktion auf der Insel.“

An Familie Buck soll es jedenfalls nicht liegen, dass die Retter eines Tages Nachwuchsprobleme bekommen: Gerald Bucks Sohn ist jetzt vier Jahre alt – und er will Seenotretter werden.

Seenotrettungskreuzer VORMANN LEISS

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