„Wir fahren dahin, wo es weh tut“ | DGzRS Die Seenotretter

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22.11.2017

„Wir fahren dahin, wo es weh tut“

Gerd Schwips ist 2. Vormann im gezeitengeprägten Revier vor Norderney

„Wenn es hart auf hart kommt, zählen Erfahrungswerte. Jeder Einsatz bringt dich ein Stück weiter“, sagt Vormann Gerd „Taucher“ Schwips.

Zur Arbeit fährt Gerd Schwips mit dem Boot. Von Juist aus geht es alle 14 Tage durchs Watt nach Norderney. Dort tauscht der 54-Jährige den Seepullover gegen den roten SAR-Overall der DGzRS. Schwips ist 2. Vormann des Seenotrettungskreuzers BERNHARD GRUBEN. Zwei Wochen rund um die Uhr Dienst an Bord, dann genauso lange frei – das ist sein Rhythmus. Doch das war nicht immer so.

Rund 25 Jahre lang war Schwips einer der mehr als 800 freiwilligen Seenotretter. Auf Juist hatte er 1982 auf dem Seenotrettungsboot ILKA begonnen. 1993 wurde er Vormann der traditionsreichen Station, gegründet 1861 als eine der ersten in Ostfriesland.

Schwips, den alle seit seiner Zeit als aktiver Surfer nur „Taucher“ nennen, hat Respekt vor der See, aber auch vor seinen freiwilligen Kollegen. Er weiß genau, welchen „Job“ sie machen. Heute, als Festangestellter, bittet er oft Freiwilligen-Boote um Unterstützung. Der Austausch mit den Nachbarstationen ist groß. „Die Denke ,Wir sind der Kreuzer und schaffen das allein‘ hat bei uns an Bord keinen Platz. Oft genug braucht man ein Backup. Man darf niemals vergessen, wie klein man letztlich selbst ist.“

Mit der See ist „Taucher“ groß geworden, doch seine Patente machte er erst vor einigen Jahren. Zwar absolvierte er auf den Seenotrettungskreuzern von Borkum und Norderney hin und wieder mal eine Dienstwoche als Freiwilliger. Doch Kapitän zu werden, war lange nicht mehr als ein Jugendtraum.

Vor zwölf Jahren dann packte es ihn: Schiffsmechaniker-Ausbildung, Fahrenszeit mit Containern bis zu den Azoren und schließlich in der Ostsee „Kümonaut“, wie Seeleute die Männer auf den Küstenmotorschiffen nennen. „Bei der DGzRS hätte ich mich nie beworben, wenn man mich nicht angesprochen hätte“, sagt Schwips.

Einsatz im gezeitengeprägten Wattenmeer: der Seenotrettungskreuzer BERNHARD GRUBEN/Station Norderney aus ungewohnter Perspektive

Heute weiß er, dass das sein Weg war. Auch wegen der Familie. „Als ich Freiwilliger war, war meine Frau immer in Sorge, wenn wir alarmiert wurden und sie lange nichts von uns hören konnte. Heute erfährt sie erst hinterher, dass ich im Einsatz war. Das ist leichter für beide“, sagt der Familienvater.

Längst ist Schwips auf zwei Inseln gleichermaßen zu Hause. „Nach dem Freitörn freue ich mich auf jedes ,Moin‘ und jeden Schnack. Aber nach 14 Tagen muss ich zurück auf meine Insel Juist“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Sein zweites Zuhause, der Seenotrettungskreuzer mit seinen vielleicht 30 Quadratmetern „Auslauf“ für die vierköpfige Besatzung, verlangt auch ein Händchen für Menschenführung. „Wir verstehen uns gut. Trotzdem fällt auch mal ein ernstes Wort, das ist normal. Aber im Einsatz diskutieren wir nicht. Im Nachgang sprechen wir jeden ,Job‘ kritisch durch.“

Zu „Tauchers“ Selbstverständnis als Vormann gehört es, hin und wieder in die zweite Reihe zu treten: „Auch unsere Dritten fahren mal den Kreuzer. Wie sollen sie es sonst lernen?“ Den Umgang mit den Naturgewalten lehre eben keine Schule. „Wenn es hart auf hart kommt, zählen Erfahrungswerte. Jeder Einsatz bringt dich ein Stück weiter.“

Schwips’ Revier gehört zu den anspruchsvollsten überhaupt. „Wir fahren dahin, wo es weh tut, wo der Havarist liegt, in die Brandung“, beschreibt er typische Einsatzumstände im gezeitengeprägten Wattenmeer. „Wenn meine Leute mit dem Tochterboot eine Schleppverbindung herstellen, übersteigen, um Verletzten zu helfen oder das Ruder selbst zu übernehmen, ist das Seemannschaft par excellence“, sagt Schwips anerkennend über die Leistungen seiner Besatzung. Allgegenwärtig sei die Gefahr, auf Grund zu geraten. Seenotrettungskreuzer sind zwar dafür gebaut, auch dies zu überstehen. „Aber das sind schon fürchterliche Stöße, die das ganze Schiff erzittern lassen.“

Groß ist die Solidarität der gesamten Schifffahrt im Revier mit den Norderneyer Seenotrettern. „Für das gute Miteinander sind wir sehr dankbar. Auf See ist man schnell auf sich allein gestellt. Dann ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen“, sagt der Vormann.

Solche Demut kennzeichnet viele Seenotretter. Das spiegelt sich auch in ihrem Verhältnis zur „Gesellschaft“ wider, wie die DGzRS an der Küste meist genannt wird. „Ich bin sehr stolz darauf, dass die ,Gesellschaft‘ seit 150 Jahren freiwillig und unabhängig organisiert und finanziert ist“, sagt Schwips. Das erfordere viel Motivation aller Kollegen auf See und an Land. „Und das wiederum ist meine Motivation, stets auf Neue aufs Meer hinauszufahren, um anderen Menschen zu helfen.“

„Wir fahren dahin, wo es weh tut.“ Gerd Schwips ist 2. Vormann im gezeitengeprägten Revier vor Norderney.

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