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14.11.2019

Vom Kraftfahrer zum Seenotretter

Karl-Heinz Priebe (68) und Christian Levien (39) haben einige Dinge gemeinsam: Beide fingen als Kraftfahrer der Zugmaschine des Trailers auf der Freiwilligen-Station Wustrow an, bald fuhren sie als Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) auch raus auf See, um dort Menschen in Not zu helfen. Beide sind in dem alten Fischerdorf aufgewachsen. Sie sind Küstenkinder, die sich seit vielen Jahren ehrenamtlich im Ort engagieren. Karl-Heinz Priebe ist seit 35 Jahren freiwilliger Seenotretter, ein Vierteljahrhundert lang führte er als Vormann die DGzRS-Station. Zum 1. November hat er die Leitung an seinen Nachfolger Christian Levien übergeben.

Verschmitzter Blick durch ein leicht geöffnetes Tor des Rettungsschuppens der Seenotretter in Wustrow: Christian Levien (l.) hat Karl-Heinz Priebe als freiwilligen Vormann der DGzRS-Station abgelöst. Foto: Die Seenotretter – DGzRS

„Irgendwann musst du loslassen und die Verantwortung in jüngere Hände geben“, sagt Karl-Heinz Priebe. Der 68-Jährige ist fast sein halbes Leben lang freiwilliger Seenotretter, allein 25 Jahre war er Vormann der Station Wustrow. Nach einer solch langen Zeit fiel ihm der Schritt zurück in die zweite Reihe verständlicherweise schwer, ist er doch mit der Station und seinem Ehrenamt fest verwachsen. So ganz geht er dann auch nicht: „Ich bleibe als Rettungsmann dabei, solange es meine Gesundheit zulässt und meine Hilfe benötigt wird.“ Und selbstverständlich stehe er seinem Nachfolger jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. „Es soll eine vernünftige Übergabe sein“, betont er. Das ist ihm wichtig, der Wechsel soll so reibungslos wie möglich ablaufen.

Karl-Heinz Priebe stieg 1984 bei den Seenotrettern in Wustrow ein, einer Rettungsstation mit langer Tradition: Sie existiert bereits seit 1847 und gehört zu den ältesten an der deutschen Ostsee. Obwohl die DDR den Seenotrettungsdienst zwischenzeitlich staatlich organisiert hatte, waren zwischen Poel und Ueckermünde auch in dieser Zeit weiterhin überwiegend Freiwillige wie Karl-Heinz Priebe im Einsatz. „Der damalige Vormann fragte mich, ob ich als Kraftfahrer mitmachen wolle.“ Er stimmte sich mit seiner Frau ab und sagte zu.

Lkw-Fahrer waren in Wustrow schon in den 1980er Jahren zu DDR-Zeiten gesucht: Die Besatzung transportierte damals genauso wie heute an der schmalsten Stelle der Halbinsel Fischland ihre Rettungseinheit mit einer Zugmaschine und einem Trailer zum Strand der offenen Ostsee oder des rückwärtigen Saaler Boddens. So saß der Sohn eines Fischers zunächst am Lenkrad des Vielzweck-Lastkraftwagens „W 50“ und brachte seine Kollegen zum Ufer. Bald wechselte er den Platz: Er fuhr mit raus auf See, um Menschenleben zu retten.

Ein Dankeschön motiviert

In seinen 35 Jahren als freiwilliger Seenotretter hat Karl-Heinz Priebe viel erlebt, das eine Ereignis hat sich dabei nicht in seinem Gedächtnis festgesetzt. Vielmehr sind es die vielen kleinen Gesten der Geretteten, das ausgesprochene Danke oder der warme Händedruck, die in Erinnerung bleiben. „Mich hat es in all den Jahren immer wieder glücklich gemacht, wenn wir jemanden retten konnten.“ Auch für seinen Nachfolger Christian Levien sind das die Momente, die bleiben, die ihn antreiben, seine knapp bemessene Freizeit für die Seenotretter einzusetzen.

Mit dem Unimog bringen die freiwilligen Seenotretter das Seenotrettungsboot BARSCH vom Rettungsschuppen in Wustrow zum Ufer.

Wie Karl-Heinz Priebe ist Christian Levien in Wustrow aufgewachsen, seit Kindesbeinen kennt der heute 39-Jährige den Geruch von Seeluft. Genauso wie sein Vorgänger warb ihn der amtierende Vormann der DGzRS-Station an: „Karl-Heinz Priebe fragte mich, ob ich nicht als Lkw-Fahrer bei den Seenotrettern mitmachen will.“ Ja, er wollte. Das war 2004. Am Anfang steuerte er den Unimog und zog mit ihm den Trailer samt BARSCH vom historischen Rettungsschuppen zum Strand. Die BARSCH ist eines von drei sogenannten Boddenbooten, die sowohl für die flachen Boddengewässer als auch für die offene See konstruiert sind. Das Gespann ist den geografischen Gegebenheiten der Halbinsel optimal angepasst.

Irgendwann wollte Christian Levien mehr als immer nur vom Rettungsschuppen zum Strand und zurückfahren. Der gelernte Maurer wollte mit raus auf die Ostsee, auf den Saaler Bodden. Nicht nur bei Kaiserwetter, sondern auch wenn Sturm die See zu hohen Wellen auftürmt, die das sieben Meter lange Seenotrettungsboot so richtig durchschütteln. Immer mit dem Ziel: Menschen aus gefährlichen oder gar lebensbedrohlichen Situationen zu befreien.

Als Vormann eines gut ausgebildeten und jungen Teams will Christian Levien die ausgezeichnete Arbeit seines Vorgängers fortführen, neue Akzente setzen und die moderne Technik in Schuss halten. Eine weitere Aufgabe von Christian Levien wird sein, Nachwuchs für die selbstlose Arbeit der Seenotretter zu gewinnen. Und vielleicht ist unter ihnen ein Lkw-Fahrer, der später wie Karl-Heinz Priebe und er ebenfalls Vormann wird.

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