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22.03.2010

Starke Frau des Borkumer Seenotretters wird 100

Alma Eilers’ Ehemann Wilhelm brachte über 1200 Menschen in den sicheren Hafen

„Ein Boot ist noch draußen.“ Die Zeichnung über Alma Eilers’ Sofa ist ein Teil von ihr. So wie die Frauen auf dem Bild, die am stürmischen Strand in wehenden Kleidern auf die glückliche Rückkehr ihrer Männer warten, hat die alte Dame ungezählte Male auf Borkum gesessen: Stets hat sie die Ungewissheit begleitet, wenn sich ihr Ehemann Wilhelm als Vormann des Seenotkreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in den Sturm, die Nacht und den hohen Seegang hinausgewagt hat, um das Leben anderer zu retten. Am Dienstag, 23. März 2010, wird Alma Eilers 100 Jahre alt.


Wenige Tage vor ihrem 100. Geburtstag hat sie nach vielen Jahren den Ort wiedergesehen, der lange Zeit die zweite Heimat ihres Mannes war: Auf dem Seenotkreuzer GEORG BREUSING, gebaut 1963 und seit seiner Außerdienststellung 1988 Museumsschiff im Emder Ratsdelft, wurden viele Erinnerungen wach. „Mein Mann hat enorm viel Glück gehabt“, sagt die ungewöhnlich rüstige Seniorin. „Manches Mal war sein Einsatz gefährlich, doch er ist immer gesund zurückgekommen.“


41 Jahre lang fuhr Wilhelm Eilers als Seenotretter, zunächst zehn Jahre als freiwilliger Rettungs¬mann auf Juist, dann 30 Jahre, von 1945 bis 1975, als fest angestellter Vormann der DGzRS-Station Borkum. Über 1200 Menschen hat er mit seiner Mannschaft und drei verschiedenen Schiffen gerettet. „Mein Mann war unerschrocken, doch nie leichtsinnig. Aber er hat stets den unmittelbaren Kontakt mit der See und den Naturgewalten gesucht. Einsätze fuhr er grundsätzlich vom oberen, offenen Fahrstand aus“, berichtet Alma Eilers am Ruder der GEORG BREUSING.


Mit der See ist Wilhelm Eilers, gebürtig von der Insel Juist, groß geworden. Sein Vater Bernhard fuhr dort einst als Vormann noch im Ruderrettungsboot. „Nachdem 1940 das Borkumer Motorrettungs-boot HINDENBURG vermutlich auf eine Mine lief und sechs Rettungsmänner in den Tod riss, fehlte es dort an erfahrenen Seenotrettern. So kamen wir auf die Nachbarinsel“, erinnert sich Alma Eilers.


Wilhelm Eilers gehört zu den legendären Vormännern der DGzRS. In die Geschichte des Rettungs-werkes ist sein Einsatz für den englischen Dampfer „Teeswood“ eingegangen. Mit dem Motorrettungsboot BORKUM retteten der damals 39-jährige Eilers, sein erfahrener Maschinist Folkert B. Meeuw (59) und der freiwillige Rettungsmann Christoffer Müller (29) am 28. November 1951 bei Orkan und Dunkelheit 13 englische Seeleute bei der Mövensteert-Untiefe zwischen Hubertgat und Westerems – gerade noch rechtzeitig, bevor der Dampfer auseinanderbrach.
                                                     
Von den Gefahren, in die sich ihr Mann wieder und wieder begab, bekam Alma Eilers meist nur wenig mit. „Bei der ,Teeswood‘ habe ich den Funkverkehr der Seenotwache am Südstrand mitgehört. Immer wieder geriet das Rettungsboot in den Wellentälern außer Sicht. Das waren bange Sekunden“, erzählt sie. Was sie aber erst später erfuhr: Ihr Mann musste, um die Engländer zu übernehmen, nicht weniger als 20 verwegene Anläufe fahren. Dabei wurde die BORKUM nahezu jedes Mal mehr oder minder stark gegen die Bordwand des Dampfers geschleudert. Das Motor-rettungsboot kehrte mit nur noch einem Ruderblatt, einem schwer beschädigten Propeller und ver-letzter Mannschaft, aber glücklichen Schiffbrüchigen zurück.


Für seinen außergewöhnlichen Mut und das hohe Verantwortungsbewusstsein bei diesen Manövern erhielt Eilers das Bundesverdienstkreuz und die Goldene Rettungsmedaille am Bande der DGzRS. Die meisten seiner Rettungstaten erregten jedoch weitaus weniger Aufsehen, obwohl sie oft nicht minder gefährlich waren. „Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten in Zeiten der Materialknappheit viele altersschwache Schiffe vor Borkum in Not. Oft ist mein Mann mit seiner Mannschaft im letzten Moment gekommen“, weiß Alma Eilers. Auch später warteten Herausforderungen: Von der berüch-tigten „Weißen Bank“ weit nördlich von Borkum etwa holte Wilhelm Eilers in stundenlanger Sturmfahrt einen Fischkutter. Im „Jahr der Stürme“ 1973 schließlich waren es oft zwei, drei schwere Ein-sätze pro Woche, einmal sogar acht Fischkutter in nur einer Nacht, denen Eilers mit der GEORG BREUSING zur Hilfe eilte.


Der erfahrene Vormann war maßgeblich an der Entwicklung der modernen Seenotkreuzer mit Tochterboot der DGzRS beteiligt. 1957 kam der Urtyp, die THEODOR HEUSS, nach Borkum, 1963 dann die größere und noch leistungsfähigere GEORG BREUSING, auf der Eilers bis zuletzt fuhr. „Sein Rat und sein Wissen waren gefragt bei den Arbeitern auf der Werft. Ein Seenotkreuzer ist eben kein Schiff von der Stange“, erinnert sich Alma Eilers an manche Dienstfahrt ihres Mannes zu den Schiffbaubetrieben an der Unterweser.


An Bord führte der nie zögerliche Eilers ein strenges, aber geachtetes Regiment: „Er ließ gegenüber seiner Mannschaft keinen Zweifel daran, dass er die Verantwortung für sie trug und deshalb das Sagen hatte. Im Ernstfall kam es genau darauf an. Dann wussten alle, dass sie sich auf Wilhelm verlassen können“, erzählt Alma Eilers. Die Liebe zu seinen Schiffen hat Eilers sichtbar gelebt. Zu Reparaturarbeiten war sich der Vormann nie zu schade. Vor seiner Zeit auf großer Fahrt hatte er den Beruf des Malers gelernt. Und so sah man ihn oft mit Pinsel und Farbe bei Ausbesserungs¬arbeiten an Deck des Seenotkreuzers.


Auf das Bild „Ein Boot ist noch draußen“ über dem Sofa blickt Alma Eilers bis heute Tag für Tag. Dorthin, nach „draußen“, hat ihr Mann einst auch seine letzte große Reise angetreten. Er wurde 1985 auf See vor Borkum bestattet – in den Wellen, aus denen er so viele Menschen gerettet hat.

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