Seenotretter rekonstruieren Nordsee-Odyssee „schiffbrüchiger“ Kamera | DGzRS Die Seenotretter

Immer im Blick:
alle Neuigkeiten.

28.11.2017

Seenotretter rekonstruieren Nordsee-Odyssee „schiffbrüchiger“ Kamera

Ungewöhnliche „Flaschenpost“ war zwei Monate lang von England nach Süderoog unterwegs

Mit einem speziellen Computerprogramm zur Suchgebietsplanung im Falle über Bord gegangener Schiffbrüchiger rekonstruierten die Seenotretter die Nordsee-Odyssee der „schiffbrüchigen“ Kamera.

Rund zwei Monate lang ist eine kleine Kamera durch die Nordsee getrieben, bevor sie auf der nordfriesischen Hallig Süderoog an Land gespült wurde – nahezu unversehrt und voll funktionstüchtig. Mit Hilfe der Seenotretter konnte die ungewöhnliche Nordsee-Odyssee rekonstruiert werden. Berechnungen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) bestätigten Vermutungen über den Ort an der Ostküste Nordenglands, an dem ein Junge die Kamera offensichtlich verloren hat.

Der Vater von Halligbewohner Holger Spreer hatte die Kamera in ihrem wasserdichten Gehäuse am 2. November auf Süderoog gefunden. „Die letzten Aufnahmen stammen vom 1. September“, sagt Holger Spreer, der mit Lebensgefährtin Nele Wree auf Süderoog lebt und den Chip auslas.

Die Videobilder zeigen einen zehn- bis zwölfjährigen Jungen am Strand. Er stellt die Kamera auf einen Stein, vergisst sie im Spiel – und eine kleine Welle schubst sie schließlich ins Meer. Nun wollen die einzigen ständigen Bewohner Süderoogs den Jungen ausfindig machen, um ihm die Kamera zurückzugeben. Dazu stellten sie einen Auszug des Videos auf ihre Facebook-Seite.

Vormann nimmt Kontakt mit englischen Kollegen auf
Dort sah Christian Koprek das Video. Der 2. Vormann der Seenotretter in List auf Sylt nahm sofort Kontakt zu seinen Kollegen der Royal National Lifeboat Institution (RNLI) auf. Seenotretterin Mary Harris gab den ersten entscheidenden Hinweis: Sie vermutet, dass der Junge die Kamera in der Thornwick Bay nahe Flamborough Cliffs in East Yorkshire an der nordenglischen Ostküste verloren hat. Fotovergleiche des dortigen Strandes mit dem Videomaterial der Kamera stützen die Theorie.

Letzte Gewissheit brachte schließlich eine Berechnung in der SEENOTLEITUNG BREMEN (MRCC = Maritime Rescue Co-ordination Centre) der DGzRS. Mit einem speziellen Computerprogramm zur Suchgebietsplanung im Falle über Bord gegangener Schiffbrüchiger rechneten die Seenotretter von Süderoog aus zwei Monate zurück, und zwar anhand der Drift- und Strömungsverhältnisse der Nordsee.

Ein Junge spielt am Strand: Screenshot aus dem letzten Video, das die Kamera aufgenommen hat

Computertechnik der Seenotretter offenbart Route
Das Ergebnis: ein Strand nur etwa 35 Kilometer südlich der Thornwick Bay. „Da das Programm Gewicht und Seegangsverhalten eines durchschnittlichen erwachsenen Menschen und nicht einer leichten und kleinen Kamera zugrunde legt, dürfte die Vermutung unserer RNLI-Kollegin stimmen“, ist Christian Koprek überzeugt.

Die Computertechnik der Seenotretter offenbarte zudem die Route, die die Kamera zurückgelegt hat: zunächst südöstlich Richtung Englischer Kanal, dann in einer langen Kurve Richtung Nordosten bis auf die Höhe von Esbjerg in Dänemark, und schließlich wieder nach Süden bis Süderoog – insgesamt wohl eine Strecke von 800 bis 900 Kilometern.

Im Internet hat sich das Video inzwischen weit verbreitet. Englische Lokalmedien sind bereits auf die ungewöhnliche Kamera-Odyssee aufmerksam geworden und berichten. Und nun hoffen auch die Seenotretter der DGzRS und der RNLI, dass die Kamera in gemeinsamer Anstrengung zu ihrem kleinen Besitzer zurückfindet.

Nachtrag

Suche mit Happy End – Kamerabesitzer gefunden

Zwölf Tage dauerte die Suche nach dem Besitzer der Kamera – jetzt ist der Junge gefunden worden. Am Montagabend, 4. Dezember 2017, meldete sich der Vater des Jungen über die Facebookseite der Hallig Süderoog bei Holger Spreer und seiner Lebensgefährtin Nele Wree: „Hi. The action camera is the one my son lost whilst out with his Nanna at Thornwick Bay.“

Wie er weiter schrieb, heißt sein Sohn William und sie wohnen an der Ostküste Englands in der Nähe der Stadt Hull. Ein Freund las die Geschichte in der Tageszeitung „The Guardian“ und informierte sie über die Suche. Wie und wann die Kamera übergeben wird, wissen die Beteiligten noch nicht. Nur so viel: William soll sie möglichst in diesem Jahr wieder in den Händen halten. Und ob die englische Familie mit Journalisten sprechen möchte, steht zurzeit noch nicht fest.