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22.12.2015

Rasmus nimmt keine Rücksicht auf christliche Feiertage – Weihnachten an Bord bei den Seenotrettern

Diese Weihnachtsgeschichte steht in keinem Geschichtenbuch. Sie hat wenig von der heimeligen Stimmung des Christfestes. Ihre Hauptdarsteller sind das Meer und die Einsamkeit. Und Menschen, die es bei jedem Wetter mit der See aufnehmen. Besonders in der rauen Jahreszeit und auch dann, wenn andere bei Kerzenschein in der warmen Stube sitzen.

Die Besatzung der HERMANN RUDOLF MEYER sitzt um den gemütlichen vorweihnachtlichen Tisch in der Messe des Bremerhavener Seenotrettungskreuzers.

Professionelle Routine

Weihnachten ist für die Seenotretter nichts Besonderes, sondern professionelle Routine. Die Besatzungen gehen an den Feiertagen ihren ganz normalen Wachtörn – im Advent, Heiligabend, an den Weihnachtsfeiertagen, zu Silvester und Neujahr. Das gilt genauso für die Wachleiter der SEENOTLEITUNG BREMEN, der Rettungsleitstelle See, die sämtliche Such- und Rettungsmaßnahmen zwischen Borkum und Usedom koordiniert.

An Bord der Seenotrettungskreuzer steht hier und da ein kleiner Weihnachtsbaum in der Messe oder wird im Masttop vom Wintersturm geschüttelt – gut befestigt, denn: „Du weiß nie, was der nächste Einsatz bringt.“ Immer wieder, das bestätigt der Blick in die Einsatzberichte (siehe Weihnachtslogbuch unten), werden die Besatzungen der 60 Seenotrettungskreuzer und -boote zum Einsatz gerufen, wenn gerade die Kerzen angezündet wurden und einige Augenblicke der Besinnung und Nachdenklichkeit zu ungewohnter Stille im Schiff führen. Wenn da nicht das Rauschen und Knacken der Funkgeräte wäre …

Der Welthandel kennt keine Feiertage

Rasmus nimmt keine Rücksicht auf christliche Feiertage, heißt es an Bord der Rettungseinheiten. „Irgendwer ist da draußen immer unterwegs. Der Containerhafen macht zu Weihnachten nur ein paar Stunden Pause“, sagt Andreas Brensing, Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer HERMANN RUDOLF MEYER/Station Bremerhaven. Weil der Welthandel keine Feiertage kennt, sind die Seenotretter zu Weihnachten wie an jedem anderen Tag im Jahr auf Ihrem Posten, wenn das „Mayday“ reinkommt. „Wir kommen“ – Schiffbrüchige können sich dieser beruhigenden Antwort über Funk auch an den Feiertagen sicher sein – rund um die Uhr, bei jedem Wetter.

Die HERMANN RUDOLF MEYER vor dem Hafen von Bremerhaven: Der Welthandel kennt keine Feiertage.

Auch Weihnachten machen die Seenotretter Kontrollfahrten, warten und pflegen ihre Schiffe. „Im Einsatzfall ist die Zuverlässigkeit der Technik unsere Lebensversicherung“, sagt Seenotretter Siegbert Schuster. Der 14-tägliche Rhythmus, in dem Kollegen übers Jahr so regelmäßig wie Ebbe und Flut zur Ablösung kommen, ist zum Jahresende ausgesetzt: Wer Weihnachten an Bord verbringt, ist über den Jahreswechsel bei der Familie – und umgekehrt.

Die Seenotretter klagen nicht über den Feiertagsdienst. Sie sind vielmehr stolz darauf, für eine private, unabhängige Gesellschaft hinauszufahren, getragen allein von rund 300.000 regelmäßigen Förderern aus dem ganzen Land, ganz bewusst ohne Steuergelder und ohne staatlichen Einfluss.

Weihnachtsabend unter Palmen

Viele Seenotretter waren Weihnachten schon oft noch viel weiter weg von zuhause. Die meisten sind zur See gefahren, bevor sie bei „der Gesellschaft“, wie die DGzRS an der Küste kurz genannt wird, angeheuert haben. Oft trennten sie dann Monate von der Heimat, vom Kuss ihrer Liebsten und von ihren Kindern. Vormann Brensing hat Weihnachten schon unter Palmen erlebt, lag vor Karachi oder passierte gerade Genua, als aus dem Heiligen Abend die Weihnachtsnacht wurde.

Essen hält bekanntlich Leib und Seele zusammen, erst Recht zum Fest. Das Seenotretter-Kochbuch  ist bekannt für seine Original-Rezepte von Bord der Rettungseinheiten, praktisch und trotzdem sehr schmackhaft. Auf der HERMANN RUDOLF MEYER hat Maschinist Stev Klöckner zu Weihnachten zum Beispiel schon mal fangfrischen Rotbarsch mit Salzkartoffeln und Buttersoße auf den Speiseplan gesetzt: „Kein Edelmenü, sondern etwas Praktisches, dass notfalls auch für mehrere Tage reicht – man weiß ja nie, was kommt.“

„Was kommt“, das muss nicht immer eine große mutige Tat in schwerer See sein. Auch Christkinder haben die Seenotretter Weihnachten schon auf die Welt geholt. „Helfen zu können, ist eine tolle Sache. Das Schönste an einer Rettung ist die eigene innere Zufriedenheit“, sagt Siegbert Schuster. Die Seenotretter selbst verlieren über ihre Leistungen kaum Worte. Genau deshalb steht diese Weihnachtsgeschichte in keinem Geschichtenbuch.

 

Weihnachtslogbuch

2001
Ein Kleinflugzeug stürzt vor Bremerhaven in die Wesermündung. Das Wasser ist drei Grad kalt. Zwei Seenotrettungskreuzer suchen im Schneetreiben nach der Besatzung. Sie können nur eine Frau retten.

1999
Ein Seenotrettungsboot befreit in der Schleimündung ein 20 Meter langes Segelschiff aus einem Eisfeld. Vor Amrum zieht ein Seenotrettungskreuzer eine festgefahrene Fähre in tieferes Wasser. Vor Sylt schleppen die Seenotretter einen niederländischen Fischkutter in den Hafen.

1997
Der Cuxhavener Seenotrettungskreuzer birgt bei kabbeliger See in der Elbmündung ein krankes Kind von einem russischen Frachter ab. Weihnachten muss der Junge im Krankenhaus verbringen.

1995
Der Hooksieler Seenotrettungskreuzer läuft durch dichten Nebel zu einem brennenden Fischkutter. Sechs Menschen sind an Bord, Gasflaschen drohen zu explodieren. Ein Großtanker nähert sich. Der Kutter treibt manövrierunfähig auf eine Ölpier zu. Im letzten Augenblick stellen die Seenotretter eine Schleppverbindung her und löschen den Brand.

1995
In der Neujahrsnacht gerät der Borkumer Seenotrettungskreuzer in 15 Meter hohe Grundseen, dreht sich einmal um die eigene Längsachse. Zwei der vier Retter verlieren ihr Leben und bleiben auf See.

1992
Vor Borkum holen die Seenotretter zwei Wattwanderer aus dem Wasser. Bei schlechter Sicht waren sie hinausgelaufen. Als die Hilfe eintrifft, stehen sie bereits bis zum Hals im Wasser.

1984
Zwei Seenotrettungskreuzer bekämpfen stundenlang immer wieder auflodernde Brände auf einem Frachter. Ein Schiffbrüchiger kommt ums Leben, die restliche Crew wird gerettet, Umweltschäden verhindert.

1968 Der Frachter „Njandoma“ strandet vor Cuxhaven. Bei Windstärke 8, gefährlichen Grundseen, Schneeböen und klirrender Kälte holen die Seenotretter in zwei Anläufen 24 Seeleute  von Bord.

1949
Vor Norderney läuft ein Schleppdampfer auf Grund. Unter widrigsten Umständen bergen die Seenotretter die 14-köpfige Besatzung.

1880
Das Horumersieler Ruderrettungsboot rettet zwei Männer, die von einem Segelschiff ins Wasser gefallen waren. Die Rettungstat dauert über 24 Stunden. Die See wirft sieben der acht Retter selbst ins Wasser. Sie hangeln sich wieder ins Boot. Der Vormann berichtet: „Eine mühevollere und gefährlichere Fahrt ist wohl noch nicht gemacht worden.“

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