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23.05.2019

Kühlen Kopf behalten, wenn es um Leben und Tod geht

Wenn der Kollege an die Tür klopft, ist Detlev Finster sofort hellwach: „Da schießt das Adrenalin ein, dann denkt man nicht mehr an Schlaf“, sagt er. Wird er während ein er 24-Stunden-Schicht im Ruheraum aus dem Nickerchen geweckt, sind Menschen in Seenot. Finster ist einer der Wachleiter in der SEENOTLEITUNG BREMEN. Er und seine Kollegen koordinieren die Suche und Rettung von Menschen und Schiffen im deutschen Seegebiet mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften. Auch Notrufe aus internationalen Gewässern nehmen sie hin und wieder entgegen.

22 Mitarbeiter wechseln sich in der Rettungsleitstelle See der DGzRS ab. Jederzeit sind sie dort im Dreierteam zu erreichen. Während sich einer nachts mal aufs Ohr legt, halten zwei weitere Wache. So ist innerhalb eines Tages keine Übergabe nötig. „Damit verhindern wir, dass Informationen verloren gehen“, sagt Detlev Finster. Um neun Uhr morgens wechselt die Schicht, das ist zumeist eine ruhige Zeit auf See.

An diesem verregneten Januartag wachen Detlev Finster (51) und Wilhelm Elies (64) auf den bequemen Bürosesseln jeweils über acht Monitore und das Telefon. Andrea Matzen (30) geht Hörwache am Funk. Finster und Elies sehen, wie sich Schiffe als Punkte auf digitalen Seekarten bewegen, lesen Wetterberichte und halten Kontakt zu den 55 Stationen der Seenotretter. Die im internationalen Sprachgebrauch Maritime Rescue Co-ordination Centre (MRCC) genannte SEENOTLEITUNG arbeitet eng mit ausländischen Kollegen zusammen und unterstützt auch deutsche Schiffe und Seeleute im Ausland.

Klingelt das Notruftelefon, sind die Wachleiter sofort dran. Andrea Matzen hört in einem mit Glasscheiben abgeschirmten Bereich konstant die internationalen Funkkanäle UKW 16 und 70 ab. Jedes „Mayday“, jeder Notruf über Funk kommt bei ihr an. Sieben Stunden lang beantworten sie und ihre Kollegen in den Tagschichten dringende Funksprüche. Die Nachtwache übernimmt zehn Stunden.

Andrea Matzen nimmt Notrufe über Funk an.

Ein Dutzend Einsätze gleichzeitig

Die Stimmung ist entspannt, die Kollegen schätzen einander, jeder arbeitet mit jedem zusammen. „Im gesamten Team bleiben wir ständig in Verbindung, damit alle denselben Sachstand haben“, betont Detlev Finster. Zwar dokumentieren die Wachleiter alles, „doch das Meiste ist Kopfarbeit.“ Wissen, welcher Seenotrettungskreuzer gerade einen Einsatz fährt, welche Unterstützung nötig ist, wie lange das Ganze wohl dauern wird, und vor allem, wie es den Menschen vor Ort geht – Detlev Finster und seine Kollegen sind ständig im Bild.

„Im Sommer haben wir manchmal mehr als ein Dutzend Einsätze gleichzeitig. Da muss man den Überblick behalten.“ 2.156 Einsätze koordinierten die Wachleiter allein im vergangenen Jahr. Finster selbst war früher Marineflieger. Er navigierte Hubschrauber, und wenn es Menschen zu bergen galt, war er es, der sich am Seil abwinschen ließ. Ein Mann, der einen kühlen Kopf bewahrt. Ebenso seine Kollegen: Nautische Offiziere und Funkoffiziere sind unter ihnen, Vorleute der Seenotretter-Stationen, ehemalige Marine- und Bundeswehrangehörige. Sie alle haben so einiges erlebt und bündeln Wissen aus unterschiedlichen Bereichen.

Im Zuständigkeitsbereich der DGzRS auf Nord- und Ostsee ist viel los. Jede Menge Durchgangsverkehr drängt sich zwischen Skandinavien und dem Ärmelkanal. „Man entwickelt ein Bauchgefühl für das, was da draußen los ist“, sagt Finster. Bei Notfällen läuten die inneren Alarmglocken. Im Winter sind das zum Beispiel Unglücke in der Berufsschifffahrt oder „zeitkritische“ Fälle, Kite-Surfer etwa, die bei wenigen Grad Wassertemperatur in Schwierigkeiten geraten sind.

Alle Rädchen greifen perfekt ineinander

Nicht immer ist die Lage dramatisch. Seit einiger Zeit gibt es ganz spezielle vermeintliche Notfälle: Stand-up-Paddler, die seltsame Bewegungen ausführen – oft sind es nur Yoga-Übungen statt Alarmsignale. Doch für die Retter gilt ein klarer Grundsatz, betont Detlev Finster: „Wir nehmen jeden Notruf ernst. Lieber einmal zu oft rausfahren als einmal zu wenig!“ Die relativ ruhige Wintersaison nutzen die Retter verstärkt, um sich fortzubilden. So trainieren sie etwa die Koordinierung großer Unglücke im Simulatorzentrum in der Seenotretter-Zentrale in Bremen. Alle Mitarbeiter der Leitstelle gehen zudem für mindestens eine Woche pro Jahr an Bord eines Seenotrettungskreuzers. „Es ist wichtig, sich zu kennen und zu wissen, was an Bord möglich ist – und was nicht.“ Im Seenotfall greifen dann alle Rädchen perfekt ineinander.

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