„Es ist wunderbar, helfen zu können“ | DGzRS Die Seenotretter

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14.11.2017

„Es ist wunderbar, helfen zu können“

Birgit Heinze ist freiwillige Seenotretterin auf der Station Gelting an der Ostsee

Weite Felder prägen die Landschaft entlang der Geltinger Bucht am Ausgang der Flensburger Förde. Spaziergängern öffnet sich der Blick auf die Ostsee. Im Herzen der Bucht, dem Hafen von Gelting, liegen Sportboote und kleine Fischkutter. Zuweilen löschen auch ein paar größere Kutter dort ihren Fang. Dazwischen fällt der leuchtrot-weiße Anstrich des Seenotrettungsbootes JENS FÜERSCHIPP sofort ins Auge. Bei vielen Einsätzen hat eine Frau das Sagen an Bord: Birgit Heinze ist freiwillige Seenotretterin – und stellvertretender Vormann.

Seefahrt, vor allem die „große Fahrt“, ist nach wie vor eine Männerdomäne. In der weltweiten Schifffahrt sind noch immer nur wenige Frauen an Bord tätig. Doch unter den rund 800 Freiwilligen der DGzRS gibt es bereits etwa 35 Seenotretterinnen. In der Funktion des Vormanns – dieser traditionelle Begriff ist Birgit Heinze wichtig – ist die Geltingerin jedoch eine Ausnahme.

Wenn ihr Mann, der freiwillige Vormann Thilo Heinze, als fest angestellter Seenotretter zum zweiwöchigen Diensttörn auf Helgoland ist, leitet sie die Freiwilligenstation an der Ostsee – also rund die Hälfte des Jahres. „Die Bezeichnung ,weiblicher Vormann‘ gefällt mir“, sagt sie mit einem Lächeln. „Ich finde es gut, den überlieferten Vormannsbegriff zu bewahren.“

Die Schifffahrt mit ihren Traditionen, klassischer Seemannschaft und Navigation einerseits und der Technik andererseits haben die heute 52-Jährige schon früh fasziniert. Küstenkind ist Heinze zwar nicht. Geboren wurde sie vielmehr in Hannover. Aber sie wuchs am Mittellandkanal auf. „Wasser hat mich schon immer magisch angezogen, vor allem alles, was darauf passiert“, sagt sie.

Damit meint sie nicht nur die rege Berufsschifffahrt. Surfen, Wasserskilaufen, Segeln, natürlich Baden und neuerdings auch Tauchen gehören zu den Hobbys der gelernten Krankenschwester. Wichtigste Freizeitbeschäftigung ist ihr jedoch seit 2004 das Ehrenamt bei den Seenotrettern: „Es ist wunderbar, mit der See verbunden zu sein und dabei auch noch helfen zu können.“


Beruflich steht Heinze Tag für Tag in der Notaufnahme des Flensburger Diakonissenkrankenhauses. Im Ehrenamt kümmert sie sich nicht nur um die medizinische Ausrüstung des Seenotrettungsbootes, sondern auch um die Ausbildung der Mannschaft. Zwar überwiegen die Routine-Einsätze, bei denen die Seenotretter durch frühzeitiges Eingreifen oft im Vorfeld Schlimmeres verhindern können. Doch gelegentlich wird die JENS FÜERSCHIPP auch zum Rettungswagen auf See. Wie für den Skipper der Segelyacht, deren Mast brach und den Mann so schwer am Arm verletzte, dass er sich einen offenen Bruch zuzog: Bei starkem Wellengang schiente Birgit Heinze auf See den Arm, sicherte die Durchblutung der Hand und Finger und übergab den erstversorgten Patienten in Gelting an den bereits wartenden Landrettungsdienst. Für die Seenotretter war auch das letztlich viel geübte Routine.

Übungen sind Heinze ohnehin sehr wichtig. Suchmusterfahrten, Kommunikationstraining und Rollenspiele trainieren für die Aufgabe, die in großen roten Lettern am Bug der JENS FÜERSCHIPP notiert ist: SAR, Search and Rescue, Suche und Rettung. „Mehrere Schiffe bei wenig Licht in der einsetzenden Dunkelheit zu führen und zu koordinieren, ist anspruchsvoll. Einen Dummy, also eine Übungspuppe, bei derartigen Bedingungen wiederzufinden, ist nicht einfacher. Routine und Erfahrung bekommt man nur durch ständiges Training“, weiß die freiwillige Seenotretterin.

Ihre medizinische Aufgabe schließlich endet für Birgit Heinze nicht mit der Übergabe Geretteter an den Landrettungsdienst, sondern umfasst auch die Betreuung der eigenen Mannschaft. Fester Bestandteil ist die psychologische Nachsorge. „Unsere Aufgabe bringt es mit sich, dass wir hin und wieder in Situationen geraten, in denen wir nicht mehr helfen können. Wir alle müssen lernen, damit umzugehen.“

Birgit Heinze selbst tankt nach solchen Erfahrungen bei Spaziergängen über die Felder zwischen Niesgrau und Wackerballig oder über die Strände zwischen Steinberghaff und der Geltinger Birk wieder auf und gewinnt neue Kraft. „Hauptsache, ich sehe die Ostsee.“

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