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13.11.2019

Das Simulatorzentrum - Rettung Schiffbrüchiger an Land

Der Regen prasselt beständig auf das Deck der ARKONA. Die Sichtweite beträgt an diesem frühen Augustmorgen nur wenige Seemeilen. Im Inneren quäkt es ununterbrochen aus den Funkgeräten: „Die ,Datteln‘ für die ARKONA“, „Sollen wir die Position halten?“, „Hier die ‚Peter Pan‘, wir bieten unsere Hilfe an“. Nils Heitmann, Matthias Wegner und Michael Preuß stehen auf der Brücke des Seenotrettungskreuzers. Sie kommen kaum hinterher, auf jeden Funkspruch zu reagieren. Gleichzeitig müssen sie die Suche nach dem vermissten Motorboot „Anna“ und seiner fünfköpfigen Besatzung in der Flensburger Außenförde koordinieren. Die SEENOTLEITUNG BREMEN hat ihnen die Aufgabe des On-Scene-Coordinators (OSC) übertragen. Sie leiten den Einsatz vor Ort – zumindest virtuell.

Bei einem anderen Lehrgang üben Maike Schaft, Uwe Boltes, Timo Wieck (r.) im Simulatorzentrum unter anderem die Kommunikation bei größeren Suchen.

Nils Heitmann schaut auf die elektronische Seekarte vor ihm. Dort wird das errechnete Suchgebiet angezeigt. Matthias Wegner spricht mit der SEENOTLEITUNG: Wrackteile der „Anna“ sind gefunden worden. Michael Preuß hält die ARKONA auf Kurs. Trotz der angespannten Atmosphäre und der verschärften Notlage der Vermissten bleiben die drei zumindest äußerlich ruhig und gelassen – genauso wie der Seenotrettungskreuzer. Die Wellen der Ostsee lassen ihn nicht schaukeln, er schwankt nicht, er rollt nicht. Wie sollte er auch: Die drei Männer stehen in einer Kabine des Simulatorzentrums in der Seenotretter-Zentrale in Bremen – unter ihren Füßen ist Beton statt Aluminium. Nils Heitmann, Matthias Wegner und Michael Preuß nehmen an einem OSC-Lehrgang teil.

„Heute üben wir vor allem die Kommunikationen zwischen der SEENOTLEITUNG und dem OSC sowie zwischen der ARKONA und den an der Suche beteiligten Schiffen. Außerdem trainieren wir bestimmte Suchverfahren und schauen, ob die vorhandenen Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden“, sagt Rolf Detlefsen.

Der Leiter des Simulatorzentrums der Seenotretter-Akademie sitzt gemeinsam mit drei Trainern im sogenannten Instruktorenraum. Von dort aus steuern sie die Übung, kontrollieren die Umgebungsparameter und können jederzeit die Lage verschärfen. „Jedes Szenario können wir exakt zuschneiden, ständig reproduzieren und für die Nachbesprechung aufzeichnen. Wir erstellen im Vorfeld lediglich eine Ausgangslage, die wir je nach Bedarf und Verlauf unterschiedlich weiterführen können – ein Regiebuch gibt es nicht“, erläutert Rolf Detlefsen.

In der Zwischenzeit überlegen Heitmann, Wegner und Preuß, wie sie auf die veränderte Situation reagieren sollen. Dabei verfolgen sie weiterhin konzentriert und aufmerksam den Funk. Es geht jetzt darum, fünf Schiffbrüchige zu finden – der Notfall hat sich dramatisch zugespitzt. Sie ziehen die vorhandenen Einheiten zusammen und weisen sie an, einen Suchverband mit jeweils einem Kabel (ein Zehntel einer Seemeile, rund 185 Meter) Abstand zu bilden. Sie geben per Funk über einen gemeinsamen genutzten Arbeitskanal die exakten Koordinaten an die anderen Schiffe weiter.

Für Nils Heitmann und Matthias Wegner ist die heutige Übungsaufgabe nicht alltäglich: Heitmann arbeitet bei der Wasserschutzpolizei Bremen und Wegner bei der Fliegerstaffel der Bundespolizei in Fuhlendorf. Dagegen hat Michael Preuß eine solche Situation als Seenotretter auf dem Seenotrettungskreuzer BREMEN bereits selbst erlebt. Von der Station im Hafen Großenbrode müssen er und seine Kollegen oft genug auslaufen, um Vermisste zu suchen.

Fast wie auf einer Brücke sieht es in der Übungskabine aus.

In den anderen Kabinen setzen die übrigen Lehrgangsteilnehmer die Vorgaben des OSC um und fahren die Suchmuster ab. Insgesamt gibt es im Simulatorzentrum drei Kabinen mit Großbildschirmen sowie den entsprechenden Navigations- und Kommunikationsanlagen, Fahrhebel und Rudergeber einer Schiffsbrücke, zwei variable Kabinen, in denen Rettungsleitstellen, Schiffe oder Hubschrauber dargestellt werden können, sowie eine Übungsseenotleitung. Hinzu kommen zwei mobile Einheiten (Mobile Operation Station, MOS), die die Seenotretter auf wechselnden Station einsetzten können und eine fest installierte Kabine im Trainingszentrum der Seenotretter-Akademie in Neustadt i. H., die sich als Satelliten einbeziehen lassen. 

„Dank der umfangreichen, netzwerkfähigen Ausstattung können wir nicht nur vielfältige Lerninhalte anbieten, sondern im Vergleich zu anderen Simulatoren auch Rettungsleitstellen Land und See abbilden – und das alles sehr kostengünstig sowie ohne Gefahr für Mensch und Material“, sagt Rolf Detlefsen. Im Jahr trainieren bei rund 30 Lehrgängen mehr als 300 Seenotretter und externe Teilnehmer im Simulatorzentrum. Außer den verschiedenen OSC-Lehrgängen bietet die DGzRS unter anderem SAR-Grundlagenschulungen für freiwillige Seenotretter, Kurse zu Kollisionsverhütungsregeln und Radarseminare für das Fahren bei verminderter Sicht an.

„Eine Übung auf See können wir hier nicht ersetzen“, betont Rolf Detlefsen. „Sicherheit und Seemannschaft, handwerkliche Fähigkeiten wie Schleppverbindungen herstellen, das Versorgen Verletzter oder die Rettung Schiffbrüchiger lassen sich ausschließlich auf See trainieren.“ Und so endet auch für Nils Heitmann, Matthias Wegner und Michael Preuß die Übung, als die Schiffbrüchigen gesichtet worden sind.

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