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06.06.2019

150 Jahre Seenotretter in Neuharlingersiel

Seit 150 Jahren existiert in Neuharlingersiel eine Station der Seenotretter. Am Samstag, den 8. Juni 2019, feierten Besatzung und Neuharlingersieler am Hafen.

Die Station Neuharlingersiel

Die ehrenamtliche Crew besteht längst nicht mehr nur aus Seeleuten – und hält umso mehr zusammen.

Es ist spät an diesem Donnerstagabend im Mai, nur wenige Touristen und noch weniger Einwohner sind in dem pittoresken Hafen an der ostfriesischen Nordseeküste unterwegs. Die Sonne ist längst untergegangen, doch am Ponton des Seenotrettungsbootes NEUHARLINGERSIEL ist noch mächtig Betrieb. Eine lockere Runde hat sich vor dem Boot mit dem leuchtend roten Streifen versammelt – man hört sowohl Plattdeutsch wie auch Hochdeutsch. Was die Menschen der kleinen Gruppe verbindet? Sie kennen und respektieren die See. Und sie tragen allesamt die rote Jacke der Seenotretter.

Ganze Generationen von Fischern und anderen Seeleuten reinsten Wassers haben sich in dem malerischen Neuharlingersiel an der ostfriesischen Küste freiwillig für das Leben Anderer in Gefahr begeben. Die Annalen der traditionsreichen Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) sind prall gefüllt mit starken Geschichten. Am 8. Juni 2019 feiern die Retter vom Siel ihren 150. Geburtstag.

Voller Dramatik und Historie steckt der Standort der Retter: die schier unglaubliche Dynastie von Vorleuten aus der Familie Steffens, deren erster sein Amt im Jahr 1871 antrat. Hunderte von Einsätzen, bei denen Retter und Gerettete nach viel Bangen und Hoffen wieder glücklich in den Sielhafen einliefen. Aber auch der Tod von Bernhard Gruben aus Neuharlingersiel, der mit Maschinist Theo Fischer 1995 bei einem Rettungseinsatz auf dem Borkumer Seenotrettungskreuzer ALFRIED KRUPP ums Leben kam. Bis heute prägen das Unglück und viele andere, tiefgängige Erfahrungen das Zusammenleben auf der Station: Jeder dort weiß, dass es jederzeit auf die Gemeinschaft der Freiwilligen ankommen kann.

Wer durch die schmalen Straßen des kleinen Küstenortes schlendert, in den Restaurants und Kneipen einkehrt und bei einem Spaziergang im zentral gelegenen Hafen die Schreie der Möwen hört, versteht gut, wieso jedes Jahr zehntausende von Besuchern dieses Flair in ihrem Urlaub genießen möchten. Es kann ganz schön voll werden, wenn Sonnenschein und Ferienzeit die Menschen anziehen. Für die Einheimischen gibt es allerdings auch ein Leben jenseits der Urlaubszeit. In dem touristisch geprägten Ort leben nicht einmal 1.000 Menschen – dort kennt wahrhaft jeder jeden.

Zur Realität gehört auch, dass der Strukturwandel vor Neuharlingersiel, einem typischen Fischerort, nicht Halt gemacht hat. In den Spitzenzeiten lagen im Hafen mehr als 40 Kutter im Päckchen, flickten Dutzende Fischer bis spät in die Nacht ihre Netze. Heute liegen noch acht Kutter im Hafen, und ihre Zahl schwindet kontinuierlich. Auch Heinz Steffens, der Vormann der Seenotretter-Station, hat den Beruf des Fischers gelernt, genau wie sein Vater, genau wie dessen Vater. Fünf Generationen lang ging das so, aber ein Ende ist in Sicht: Steffens Sohn hat einen anderen Weg eingeschlagen.

Seenotretter an Bord ihres Seenotrettungsbootes
Die Neuharlingersieler Seenotretter halten fest zusammen - hier ein Teil der Besatzungan Bord der NEUHARLINGERSIEL (Foto: Alexander Nortrup)

Der Wandel der Erwerbsstruktur betrifft auch die lokalen Seenotretter. Früher bestand die Besatzung vor allem aus Seeleuten. „Zehn von zwölf Rettern hatten zwischenzeitlich ein Kapitänspatent“, sagt Vormann Steffens und lacht. „Das ist längst nicht mehr so. In unserem Team sind viele andere Berufsgruppen vertreten.“ Übungen waren früher eher nicht an der Tagesordnung, alle Retter waren ohnehin beruflich auf See. Inzwischen treffen sich die Sieler regelmäßig, um Manöver und andere Abläufe zu trainieren und um das Handwerk für Suche und Rettung – gute Seemannschaft – an die nächsten Generationen weiterzugeben.

„Wir ziehen hier alle am selben Strang“, sagt der 54-Jährige Heinz Steffens. „Wer meint, alles zu wissen, hat meist Unrecht“. Umgekehrt können die Jungen von den Erfahrenen viel lernen – nicht zuletzt von Steffens, der als Fischer das Revier in- und auswendig kennt: „Ich bin mein ganzes Leben mit der See verbunden. Da weißt Du, bei welchem Wasserstand es raus geht und bei welchem nicht. Und wo Du auch bei Niedrigwasser noch fahren kannst.“

Das Team in Neuharlingersiel ist vielfältig, die Einsätze sind es auch. Fischkutter mit Maschinenschaden, Kitesurfer, die zu weit rausgefahren sind und es nicht allein wieder zurück schaffen. Ein anderes Mal ist eine Segelyacht auf Grund gelaufen, oder Wattwanderer sind nicht rechtzeitig vor der Flut wieder umgekehrt. Nicht alle Einsätze sind spektakulär, aber alle sind wichtig. Das gilt auch für die Krankentransporte von der direkt gegenüberliegenden Insel Spiekeroog. Auch die übernehmen die Sieler Freiwilligen, wenn ein Hubschrauber nicht eingesetzt werden kann.

Für den Vormann ist es wichtig, dass die Mischung in der Besatzung stimmt: „Es müssen immer genug Wissen und Erfahrung an Bord sein, damit wir bestmöglich helfen können.“ Im Idealfall wolle man jede Aufgabe mehrfach besetzen, denn meistens fahren nur drei Mann einen Einsatz. Das heißt allerdings auch: Letztlich muss jeder beinahe alles können.

„Mit dem entsprechenden Teamgedanken werden wir hier jedem alles Nötige beibringen“, sagt Heinz Steffens. Steffens junior übrigens führt die Familientradition eigentlich doch weiter: Er ist für die Seenotretter an Land im Einsatz und kümmert sich zusammen mit seiner Mutter um die Sammelschiffchen in Neuharlingersiel und Umgebung. So hilft er, dass die Spenden an die richtige Stelle gelangen – und Rettung überhaupt erst möglich wird. Wie wichtig das ist, braucht den Menschen in Neuharlingersiel niemand zu erklären.

Seenotrettungsboot in Neuharlingersiel
Die NEUHARLINGERSIEL an ihrem Liegeplatz (Foto: Ralf Klein)
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